Die Redaktion empfiehlt: »Der Ozean am Ende der Straße« von Neil Gaiman Beeindruckende Phantastik

30. Dezember 2014

Es fällt mir immer schwer, mich in irgendwelche Listen einzutragen, in denen nach den »zehn besten Büchern aller Zeiten« oder dergleichen gefragt wird. Was ich aber am Ende des Jahres 2014 sagen kann: »Der Ozean am Ende der Straße« von Neil Gaiman war in meinen Augen der schönste und beeindruckendste Roman aus dem weiten Feld der Phantastik und Fantasy, der in diesem Jahr erschienen ist. Wer mit phantastischer Literatur etwas anfangen kann, sollte dieses Buch lesen.

Der Einstieg ist recht sentimental: Ein Mann, über dessen Alter man nicht viel erfährt, der aber nicht mehr jung ist, reist zu einer Trauerfeier in das Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Nach der Beisetzung fährt er ziellos durch die Gegend, steuert dann das ehemalige Elternhaus an und spaziert zu einem Gebäude am Ende der Straße. Dort spricht er mit einer alten Frau, seine Erinnerungen an die Kindheit kehren zurück, und am Teich hinter dem Haus erinnert er sich an einige prägende Szenen.

Der Rückblick ist dann die eigentliche Geschichte des Romans: Der sieben Jahre alte Junge, über dessen Namen und Aussehen wir nichts erfahren, ist ein Sonderling, und er stößt am Ende der Straße auf eine Familie von Sonderlingen. Es sind eine Mutter mit ihrer Tochter sowie einer Großmutter; wie sich schnell herausstellt, stehen alle drei mit übersinnlichen Mächten in Verbindung.

Der Junge erkennt, dass es eine Realität gibt, die über jener liegt, die er bisher kannte; Zeit und Raum verändern sich, monströse Kräfte greifen nach ihm, und nur eine besondere Art von Magie kann ihm helfen. Aus der Perspektive eines Kindes bekommt der Junge mit, wie uralte Mächte miteinander ringen – als Erwachsener kann er sich das kaum vorstellen und hat die Geschehnisse deshalb tief in sich vergraben.

Was in der Zusammenfassung vielleicht ein wenig schlicht klingt, ist im eigentlichen Buch mehr als beeindruckend. »Der Ozean am Ende der Straße« spielt mit den Realitäten und Empfindungen. Neil Gaimans Blick auf seinen jungen Helden ist intensiv und spielerisch zugleich; jede Szene in diesem Buch wirkt so leicht und locker und entfaltet doch einen unglaublichen Reiz. Der Autor hat eine faszinierende Gabe, Gedanken und Gefühle im Leser wachzurufen, die mich immer wieder verblüfft.

Mit am faszinierendsten ist dabei aber, dass das ganze kein Jugend- oder Kinderbuch ist. Auch wenn Neil Gaiman die Geschichte eines Kindes erzählt, ist es die Sicht eines Erwachsenen; als erwachsener Leser interpretiert man automatisch die Beobachtungen des Kindes und sortiert sie in sein eigenes Weltbild ein. Damit entfaltet sich ein Sog, der das Buch sehr packend werden lässt – auch wenn es keine »erwachsene« Action ist, fiebert man bei der Lektüre mit und leidet mit dem jungen Helden.

Nach Ende der Lektüre legte ich das Buch zur Seite und hätte es am liebsten noch einmal gelesen. Ich blätterte tatsächlich ein zweites Mal darin, führte mir manche Szenen erneut in Erinnerung oder betrachtete die gelungenen Illustrationen von Jürgen Speh. So muss phantastische Literatur sein: voller Ideen und Eindrücke, gleichzeitig berührend und mitreißend. Ich finde den Roman toll und hoffe, dass er viele Leser findet!
 

Klaus N. Frick

 

Der Ozean am Ende der Straße
Gaiman, Neil
Bastei Lübbe AG
ISBN/EAN: 9783785750087
Der Ozean am Ende der Straße
Gaiman, Neil
Eichborn
ISBN/EAN: 9783847905790