Die Redaktion empfiehlt: »Der Blutvogt« von Rainer Castor Historisch-direkter Roman

9. Oktober 2015

Martin Stockmann zieht im Jahr 1349 aus Braunschweig in die Doppelstadt Cölln-Berlin, um dort sein Amt als sogenannter Blutvogt anzutreten. Stockmann wird also zum Scharfrichter der Stadt an der Spree. Sein Beruf ist hart: Er muss Verbrecher foltern und die Leerung der Latrinen beaufsichtigen, ist aber auch für die örtliche Prostitution verantwortlich versorgt und Verletzte. Der Blutvogt ist somit weit mehr als nur ein Scharfrichter: Martin Stockmann sieht sich bald als ein Mann, der in der Doppelstadt zu weitaus Höherem berufen wird.

Rasch wird der Mann, der mit dem Kampfschwert ebensogut umzugehen weiß wie mit dem Folterwerkzeug, zu einem beliebten Bürger der Stadt. Ebenso schnell wird er aber in die Machtkämpfe innerhalb der Stadt verwickelt.

Cölln-Berlin steht nämlich im Spannungsfeld von Intrigen, die von höchsten Kreisen des Deutschen Kaiserreiches ausgehen und sich bis zur Rückkehr des angeblich toten Markgrafen Woldemar durchziehen. Die Auseinandersetzungen zwischen Stadträten und Gildemeistern machen Stockmann zu einem Spielball, als den er sich selbst erst nach einiger Zeit erkennt.

»Der Blutvogt« war der einzige historische Roman, den Rainer Castor veröffentlichen konnte. Ansonsten wurde der kürzlich verstorbene Schriftsteller vor allem durch seine Beiträge zur PERRY RHODAN-Serie und ihrem »Umfeld« bekannt.

Mit dem »Blutvogt« schuf der Autor ein Werk, das Kritiker wie Leser überzeugte: direkt in der Sprache, korrekt in der Recherche, spannend und auch nachvollziehbar im Aufbau der Handlung. Der Autor sparte nicht an derben Szenen. In der Gosse liegt der Schmutz knietief, die Verurteilten werden grässlich hingerichtet, und im »Hurenhaus« geht es auch nicht unbedingt freundlich zu.

Faszinierende Nebenfiguren reichern das Geschehen an. Bruder Michael, der geheimnisvolle Mönch, bringt einen phantastischen Aspekt in die Geschichte ein, ist er doch stark in die uralten Geschichten des Templerordens verwickelt. Der Mönch wird für den Blutvogt zu einer Persönlichkeit, die verschiedene Anforderungen erfüllt: Einerseits ist er ein Ratgeber und Helfer, andererseits öffnet er die Sinne Stockmanns für Einflüsterungen, die im Mittelalter, in dem Pest und Aberglaube die Menschen erschreckten, tödliche Wirkungen haben mussten.

Im Alraunenrausch erlebt Stockmann Visionen, die direkt der biblischen Apokalypse entsprungen sein könnten und die dem Buch einen zusätzlichen phantastischen Hintergrund verleihen. So bewegt sich die Handlung des Romans auf einen konsequenten Höhepunkt zu, der dem sehr glaubwürdig geschilderten Helden gerecht wird.

Die Lektüre ist fesselnd, die historischen Details wurden von Rainer Castor glaubhaft vermittelt, die Charakterisierung des letztlich an sich selbst scheiternden Helden und der zahlreichen Nebenfiguren passen. Kurzum: ein Buch, das all denen zu empfehlen ist, die über den Tellerrand blicken wollen und die keine Scheu vor einer realistischen Darstellung des Mittelalters haben.

Als ich den Roman bei seinem Erscheinen erstmals las, packte er mich – obwohl ich kein großer Freund historischer Romane bin. Am Wochenende, nachdem ich die Nachricht vom Tod des Kollegen erhalten hatte, schaute ich noch einmal in das Buch hinein. Es ist spannend, es ist umfassend, es sollte auch die Leser von heute sehr gut unterhalten.

Das kleine Problem: Sowohl die Hardcover-Version des Romans, die 1997 bei Haffmanns erschien, als auch die Taschenbuchausgabe, die 2005 bei Heyne folgte, sind vergriffen. Man kann sie immerhin antiquarisch bestellen.
Leichter zugänglich ist die E-Book-Version, die es unter anderem für den Kindle gibt. Sie kostet 7,99 Euro.
 

Klaus N. Frick