Die Redaktion empfiehlt: »Das Schloss in den Sternen« von Alex Alice Wunderschöner Science-Fiction-Comic

2. November 2016

Zu den ungewöhnlichsten und gleichzeitig besten Comics, die ich im Jahr 2016 bislang gelesen habe, zählt »Das Schloss in den Sternen« des französischen Autoren und Künstlers Alex Alice. Von der Trilogie sind die ersten beiden Teile bereits in deutscher Sprache beim Splitter-Verlag erschienen – sie sind all jenen zu empfehlen, die ungewöhnliche Science Fiction mögen und den Blick über den Tellerrand nicht scheuen.

Alex Alice erzählt von Raumfahrern und Wissenschaftlern, er schildert ein großes Abenteuer auf der Erde und im All – aber es ist keine gewöhnliche Geschichte, sondern sie spielt in einer alternativen Welt. In diesem Universum ist unsere Erde vom Äther umgeben, gibt es ganz andere physikalische Gegebenheiten und sind auch manche historische Entwicklungen anders als diejenigen, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen. Kein Wunder, dass Alex Alice im Jahr 2001 den Prix de l’Uchronie für herausragende Leistungen im Genre der Alternativwelt-Geschichten gewonnen hat ...

Der Comic geht von einem anderen Universum aus, greift damit auf Theorien zurück, die im 19. Jahrhundert ernsthaft diskutiert wurden. Der Äther ist eine geheimnisvolle Substanz, die sich rings um die Erde angelagert hat, die vielleicht das gesamte Universum ausfüllt. Wer es schafft, die Kräfte des Äther zu nutzen, kann unglaubliche Ziele erreichen, kann zum Mond reisen und weit darüber hinaus.

Auch Seraphin, ein wissbegieriger Junge, ist vom Äther fasziniert, vor allem deshalb, weil seine Mutter mit einem Heißluftballon aufgestiegen und nie wieder zurückgekehrt ist. Er glaubt, der Äther habe sie verschluckt. Nach vielen Verwicklungen reist er mit seinem Vater nach Bayern. Auf dem Schloss des faszinierenden König Ludwig II. werden die Äther-Forschungen vorangetrieben, obwohl sich preußische Geheimagenten auf die Spur von Vater und Sohn setzen ...

Die Handlung des Comics wird mit zahlreichen Wendungen, ironischen Seitenhieben auf Preußen und schönen Dialogen vorangetrieben. Die Geschichte ist herrlich skurril, vor allem deshalb, weil Alex Alice sie ernst nimmt: Der Äther ist kein harmloses Unterhaltungsgarn, sondern bildet einen ernsthaften Hintergrund für die Geschichte.

Alex Alice hat hierzulande schon einige Comics veröffentlicht; er hat sich auf realistisch anmutende Stoffe mit historischem Hintergrund spezialisiert. Allein deshalb ist »Das Schloss in den Sternen« eine Ausnahme für ihn: Zwar hat er ebenfalls historische Daten recherchiert und sauber umgesetzt, aber er erzählt ein völlig phantastisches Abenteuer, in dem sich Wirklichkeit und Phantasie wunderbar vermengen.

Wer mag, kann den Comic in die Steampunk-Ecke stecken, für mich ist es eine klassische Alternativwelt-Geschichte. Alex Alice erzählt, wie die Menschen ins All vorstoßen – allerdings nicht mithilfe der Technik, die in unserem Universum dazu genutzt wird, sondern mithilfe des Äthers, der ganz anderes funktioniert. Durchaus amüsante Dialoge, spannende Verfolgungsjagden und träumerische Reisen ins All paaren sich mit Szenen, die den Mythos um den bayerischen »Märchenkönig« aufgreifen.

Zeichnerisch bewegt sich Alice ebenfalls weit weg vom Realismus. Die Farbgebung erinnert an Aquarelle, die Zeichnungen schwanken zwischen realitätsnah und »funny«-orientiert, und manchmal wirken sie, als entstammten sie einem Manga-Band. Was sich jetzt ein wenig unklar anhören mag, bildet im Comic aber eine gelungene Einheit – das passt alles sehr gut zusammen. (Die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages belegt das sehr schön, finde ich.)

Schön sind übrigens auch die Anhänge für die beiden Hardcover-Alben. Verschiedene Skizzen zeigen den Entstehungsprozess, dazu kommen Aussagen des Künstlers, die helfen, sein Werk besser zu beurteilen. Ich mag solche Hintergründe, und ich blättere danach meist einen Comic noch einmal durch. Gerade bei »Das Schloss in den Sternen« lohnt sich dieser zweite Blick sehr.

Band eins dieses wunderbaren Comics umfasst 72 Seiten – inklusive des Bonusmaterials – und kostet 15,80 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-95839-070-6 kann man ihn überall im Comic- und im Buchhandel bestellen, selbstverständlich auch bei Versendern wie Amazon. Band zwei hat die ISBN 978-3-95839-071-3, umfasst ebenfalls 72 Seiten und kostet 16,80 Euro. Dass beide Alben sehr gut gedruckt und verarbeitet sind, versteht sich bei diesem Verlag sowieso von selbst. 

Klaus N. Frick