Die Redaktion empfiehlt: »Das Haus der vergessenen Bücher« von Christopher Morley Ein Roman für Bücherliebhaber

20. Januar 2015

Es ist selten, dass ein Roman, der bereits 1919 in englischer Sprache erschienen ist, erst 2014 in deutscher Übersetzung in den Handel kommt, und es ist noch seltener, dass ein solcher Roman dann für große Begeisterung sorgt. Doch »Das Haus der vergessenen Bücher« des amerikanischen Schriftstellers Christopher Morley stellt ein solches Vergnügen für alle Freunde des gedruckten Wortes dar, dass man den Verlag nur dazu beglückwünschen kann, dieses Kleinod für heutige Leser ausgegraben zu haben.

Die Geschichte spielt 1919, also nur kurze Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der immer wieder thematisiert wird. In Brooklyn betreibt der Buchhändler Roger Mifflin ein kleines Antiquariat, von dem er und seine Frau sowie ihr Hund einigermaßen leben können. Mifflin ist ein Literaturfreund, wie man ihn sich kaum vorstellen kann, und hat sein ganzes Leben den Texten anderer Autoren gewidmet. Nichts ist ihm lieber, als anderen Menschen die Freude an der Literatur zu vermitteln, indem er ihnen originelle Schriftsteller und ihre Werke präsentiert.

Das tut er mit dem jungen Werbefachmann Audrey Gilbert ebenso wie mit der attraktiven Titania Chapman, der Tochter eines reichen Industriellen, die im Antiquariat ein Praktikum absolvieren soll. Audrey Gilbert wiederum interessiert sich nicht nur für die junge Frau, sondern hat auf einmal das Gefühl, einer internationalen Verschwörung auf die Spur zu kommen. Ihr Dreh- und Angelpunkt scheint ausgerechnet eine kleine Buchhandlung in New York zu sein ...

Das klingt ein wenig so, als handle es sich bei dem vorliegenden Roman um eine Spionage- und Agentengeschichte. Streckenweise geht's tatsächlich um deutsche Agenten, die nach dem Ende des Weltkriegs aktiv sind – aber das ist nicht die Hauptsache des Romans. Ebenso könnte man ihn als große Liebesgeschichte ansehen.

In Wirklichkeit aber ist »Das Haus der vergessenen Bücher« eine Liebeserklärung an die Literatur. Das leicht spinnerte Ehepaar und seine Buchhandlung, die Geschichten über Bücher, Agenten und Autoren, die hilflosen Bemühungen des jungen Mannes, die Ein- und Ausblicke in echte und erfundene Romanwelten – das alles wird so unterhaltsam und faszinierend geschildert, dass es einen Leser in seinen Bann zieht.

Der Stil des Romans wirkt ein wenig antiquiert, was angesichts seines Alters nicht überrascht; trotzdem lässt er sich sehr leicht lesen. Das liegt daran, dass die »vergessenen« Bücher, wie der deutsche Titel aussagt, eigentlich eher »spukende« Bücher sind, es handelt sich ja – laut Originaltitel – um einen »haunted bookshop«. In dem Buchladen spuken nämlich unter anderem die Bücher jener Autoren, die bereits vergessen sind ...

Die Handlung des Romans mäandert ein wenig; sie wird nicht zielgenau auf einen Höhepunkt hin erzählt. Die Helden umkreisen sich geradezu in ihren Gesprächen und Bewegungen, die Literatur spielt dabei immer eine Rolle. Das ganze ist so liebevoll und faszinierend geschrieben, dass man sich als Leser die handelnden Personen immer sehr gut vorstellen kann. (Ich hatte die Szenen stets so deutlich vor Augen, dass ich mir vor allem eine Verfilmung des Werkes sehr gut vorstellen kann ...)
 

Klaus N. Frick

 

Das Haus der vergessenen Bücher
Morley, Christopher
Hoffmann und Campe Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783455240061
Das Haus der vergessenen Bücher
Morley, Christopher
Atlantik Verlag
ISBN/EAN: 9783455600124