Die Redaktion empfiehlt: »Bookman« Lavie Tidhar Das faszinierende England einer parallelen Welt

20. Juli 2012

Orphan ist ein junger Mann im viktorianischen England, der ein wenig verträumt wirkt und seltsame Freunde hat. Er schreibt Gedichte, die nicht gerade die Massen begeistern, und arbeitet in einer Buchhandlung. Doch das London, in dem er lebt und arbeitet, ist seltsam: Das Empire regiert praktisch über die ganze Welt, auf dem Thron des Landes sitzen Echsenwesen, und in der Themse schwimmen riesige Wale, deren Gesänge durch die Nacht hallen ...

Das ist der Ausgangspunkt für »Bookman«, den ersten Teil der Trilogie »Das Ewige Empire«. Dabei handelt es sich um einen ungewöhnlichen Science-Fiction-Roman, den der israelische Autor Lavie Tidhar verfasst hat und der im Frühsommer 2012 im Piper-Verlag erschienen ist. Mit viel Lust am Detail beschreibt Tidhar eine Welt, die nicht weit entfernt von der unseren ist, die er vor dem Leser buchstäblich entblättert und die in jedem Kapitel neue ungewöhnliche Facetten aufweist.

Wie es sich für einen Parallelwelt-Roman gehört, gibt es einen Punkt, an dem die andere Entwicklung beginnt. Die Welt, in der Orphan lebt, spaltet sich – soweit man sich das nach Lektüre des ersten Romans zusammenreimen kann – von der unseren ab, als der Italiener Amerigo Vespucci zu seiner großen Entdeckungsfahrt nach Südamerika aufbricht. Dort trifft er auf einer Insel echsenartige Außerirdische, die auf bisher unbekannte Weise die Macht über England übernehmen. Das hat unter anderem zur Folge, dass der Doppelkontinent, den unsereins als Amerika kennt, in der Parallelwelt als Vespuccia bezeichnet wird und nie kolonisiert wurde ...

In dieser faszinierenden Parallelwelt bedroht ein Terrorist die Monarchie, er bezeichnet sich selbst als »Bookman«. Er scheint mit Orphan in einer geheimnisvollen Verbindung zu stehen, und ganz gegen seinen Willen wird der junge Dichter immer tiefer in die Verwicklungen und Intrigen rings um das Königshaus hineingezogen. Schließlich bleibt ihm nichts anderes übrig, als jene geheimnisvolle Insel zu suchen, von der die Echsenkönige kommen.

Lavie Tidhars Roman gehört zum Genre des Steampunks, und der Autor greift selbstbewusst und geschickt die gängigen Steampunk-Motive auf. Riesige Luftschiffe schweben über der Stadt, Roboter werden mit Dampfkraft angetrieben, es gibt Kunstwesen und Unterseeboote.

Und natürlich spielen Figuren eine Rolle in diesem Roman, die man als Leser aus anderen Büchern, populären Mythen oder auch der wirklichen Geschichte kennt: Jules Verne und Sherlock Holmes, Dr. Moreau und Kilgore Trout und viele andere mehr. Wer sich mit Populärkultur beschäftigt, stolpert buchstäblich auf jeder Seite über neue Anspielungen, an denen er sich erfreuen kann – ich glaube aber nicht, dass es jemanden gibt, der alle entdecken wird.

»Bookman« ist brillant: ein knallbunter, absolut unterhaltsamer Science-Fiction-Roman, der in einem Universum spielt, das man sich als Leser erschließen muss. Der Autor hat eine bildhafte Sprache, seine Figuren wirken lebensnah, und sein sichtliches Vergnügen, sich ständig neue Details auszudenken, färbt auf den Leser ab.

Ich las ihn mit wachsender Begeisterung, fand die Szenerie immer schöner und immer bunter, und ich konnte buchstäblich nicht damit aufhören, das Buch durchzuschmökern. Auf die weiteren Teile von »Das Ewige Empire« freue ich mich schon jetzt – bis dahin kann ich aber jedem den »Bookman« empfehlen!

Der 424 Seiten starke Roman erschien als Paperback mit Klappenbroschur. Die Optik ist dem Verlag gelungen, das Schriftbild ist sehr großzügig. Mithilfe der ISBN 978-3-492-70242-3 kann das Buch in jeder Buchhandlung bestellt werden, selbstverständlich auch bei Versandhändlern wie amazon.de; es kostet 16,99 Euro.

Hier geht's zur kostenlosen Leseprobe auf der Internet des Piper-Verlags.
 

Klaus N. Frick
 

 

Bookman
Tidhar, Lavie
Piper Verlag
ISBN/EAN: 9783492702423