Die Redaktion empfiehlt: »Am Abgrund aller Dinge« von Gianrico Carofiglio Tragische Verwicklungen

15. Februar 2017

Enrico Vallesi ist ein völlig durchschnittlicher Mann, ja, man müsste ihn als langweilig bezeichnen. Er wohnt in Florenz, macht dort seine Arbeit, erledigt sie so gut, wie er es eben kann, lebt ansonsten zurückgezogen und allein. Wer ihm auf der Straße begegnet, wird ihn nicht erkennen. Doch dann sieht er eine Todesanzeige in der Zeitung und entschließt sich spontan, nach Bari zu fahren.

In der süditalienischen Stadt verlebte er seine Kindheit, dort wuchs er auf, dort sammelte er wertvolle Erfahrungen. Er muss erkennen, dass er manche seiner Erinnerungen so tief in sich verborgen hat, dass er sich gezwungen fühlt, seiner Vergangenheit nachzuspüren. Also macht er sich auf den Weg in die Heimat – wo er seinen Bruder trifft, viele Straßen, die er kennt, alte Bekannte und zahllose Erinnerungen...

So lässt sich der Roman »Am Abgrund aller Dinge« zusammenfassen, und doch ist diese Inhaltsangabe nur dünn. Zwei Leben werden gegenüber gestellt, die gegensätzlicher kaum sein können: der steife Büroangestellte in seinem tristen Dasein und der Junge von der Straße, der sich buchstäblich durchschlagen muss. Doch diese Leben gehören zu einer Person, und als Leser braucht man einige Zeit, um beide zu vereinen.

Autor des Romans ist Gianrico Carofiglio, den ich seit einiger Zeit für seine Krimis schätze. Er stammt selbst aus Bari, er arbeitete jahrelang als Richter und betätigte sich in der Politik. Wenn er also über die Unterwelt seiner Heimat schreibt oder die tragische Entwicklung von Figuren in einem Roman ausbreitet, kann man davon ausgehen, dass er gute Grundlagen für seine Geschichte hat. Vor allem die Romane um den Rechtsanwalt Guido Guerrieri stellen immer wieder Schuld und Sühne ins Zentrum und zeigen, wie einfache Menschen kriminell werden oder sich im Netz der Mafia verstricken.

»Am Abgrund aller Dinge« ist anders, und das macht diesen Roman – er ist kaum als Krimi zu betrachten – so besonders. Der »alte« Enrico hat einen Plauderton drauf, so dass es sich anfühlt, als würde er selbst dem Leser alles erzählen. Sein Ton ist vertraulich, er benutzt das »Du«, und er spricht viel von einem lahmen Leben ohne jegliches Ziel.

Ganz anders die Erzählperspektive des Jugendlichen. Der Junge will zu den Starken gehören, er lässt sich in politische Händel verwickeln; er trainiert erbittert und wird zum Schläger. Gleichzeitig liest er viel, versucht zu schreiben, weiß in dieser Phase noch nicht so richtig, wohin er möchte – auf jeden Fall heraus aus dem tristen Alltag, den das Leben in der Provinz für ihn bereit hält.

In dem vielschichtigen und auf zwei Ebenen erzählten Roman schildert Carofiglio in eindrucksvoller Weise, wie sich ein junger Mensch verändert, wie er in ein Milieu abrutscht, das durchaus gefährlich ist. Das wirkt ruhig, zieht einen als Leser aber immer stärker in seinen Bann.

»Am Abgrund aller Dinge« ist alles andere als ein Action-Roman, stattdessen das Psychogramm eines gescheiterten Mannes und eine Milieustudie. Der Autor schaffte es, Sympathie für den »Helden« in mir zu wecken, so dass ich der Geschichte mit wachsender Spannung folgte. Er ist kein »massentauglicher« Roman, sicher aber ein Werk für Leser, die ungewöhnliche Geschichten mit psychologischem Hintergrund schätzen.

Das Taschenbuch ist bei Goldmann erschienen, umfasst 290 Seiten und kostet 9,99 Euro. Wer sich dafür interessiert, kann es mithilfe der ISBN 978-3-4424-7357-1 überall im Handel bestellen; auch bei Versendern wie Amazon. Selbstverständlich gibt es den Roman auch als E-Book, unter anderem für den Kindle – diese Version kostet 8,99 Euro.

Die gebundene Ausgabe von »Am Abgrund aller Dinge« erschien bereits 2015, sie ist aber noch im Handel erhältlich. Sie kostet 19,99 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-4423-1227-6 überall bestellt werden.

Klaus N. Frick

 

Am Abgrund aller Dinge
Carofiglio, Gianrico
Goldmann Verlag
ISBN/EAN: 9783442312276