Logbuch: Eine Kurzgeschichte in drei Teilen

01.06.2015 08:30 von vpm

Am Wochenende des 15. bis 17. Mai 2015 begab ich mich auf eine Dienstreise, die viel mit PERRY RHODAN zu tun hatte, aber auch mit allgemeiner Science Fiction und mit meiner generellen Arbeit als Redakteur. Ich fuhr mal wieder nach Wolfenbüttel, um ein Seminar mit Autorinnen und Autoren zu besuchen.

Erst als ich im Zug saß und nach Norden fuhr, wurde mir bewusst, welch besondere Reise es war: Vor zwanzig Jahren hatte ich zum ersten Mal als Dozent an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel gearbeitet. In diesen Jahren hatte ich schon viele Autorinnen und Autoren kennengelernt, die mittlerweile ihre eigenen Romane veröffentlicht hatten.

Das diesjährige Seminar stand unter dem schönen Motto »Klassische Ideen neu interpretieren – Die phantastische Kurzgeschichte«, und als mein Co-Dozent war der PERRY RHODAN-Autor Uwe Anton mit an Bord. Die Teilnehmer an dem Seminar hatten im Vorfeld eine Aufgabe gestellt bekommen. Sie sollten eine Kurzgeschichte verfassen. Diese Texte waren eingeschickt worden, in der Akademie bastelte man daraus einen Reader – und die Texte in diesem Reader las ich während der Zugfahrt nach Norden.

Schon während der Lektüre fiel mir auf, wie unterschiedlich die Autorinnen und Autoren waren. Manche hatten schon fast einen professionellen Schreibstil, bei anderen merkte ich deutlich, dass sie am Anfang ihrer schriftstellerischen Entwicklung standen. Mir wurde klar, dass der Plan, den ich mit Uwe Anton für das gesamte Seminar ausgetüftelt hatte, so nicht funktionieren würde.

In Wolfenbüttel sprach ich mit dem Kollegen sowie Dr. Olaf Kutzmutz, dem literarischen Leiter der Bundesakademie. Im Prinzip verwarfen wir das bisherige Konzept und änderten es grundlegend; nach all den Jahren verfügen wir glücklicherweise über einen »Baukasten« von Möglichkeiten, aus dem wir immer wieder schöpfen können.

Das eigentliche Seminar begann am Freitag, 15. Mai, gegen 16 Uhr. Wir Dozenten stellten uns vor, die Autorinnen und Autoren – eine kleine Gruppe mit elf Personen – berichteten von ihren bisherigen Erfahrungen und äußerten sich zu ihren Erwartungen. Uwe Anton und ich erzählten vom Verlagsbetrieb, von der Arbeit eines Schriftstellers und was eigentlich eine gute Kurzgeschichte ausmacht.

Nach dem Abendessen begannen wir bereits damit, die Texte zu besprechen, die von den Teilnehmern eingereicht worden waren. In gemeinsamer Diskussion wurden die Stärken und Schwächen des jeweiligen Textes hervorgehoben; wo wir es nötig fanden, gingen wir stark ins Detail und versuchten auszuloten, wie man den Text gut verbessern könnte.

Wie es sich für ein Seminar gehört, saßen wir abends noch einige Stunden zusammen. Uwe Anton und ich unternahmen gegen Mitternacht sogar einen Spaziergang durch Wolfenbüttel, wobei wir uns vor allem über aktuelle PERRY RHODAN-Themen unterhielten.

Den Samstagmorgen begannen wir mit einer Aufgabe. Die Seminarteilnehmer sollten den Anfang einer neuen Kurzgeschichte schreiben, die stimmungsvoll sein und eine phantastische Idee vermitteln sollte. An dieser Kurzgeschichte arbeiteten wir an diesem Tag auch ein zweites Mal; da sollten die Teilnehmer versuchen, die Begegnung ihres »Helden« mit seinem »Gegenspieler« zu schildern.

Die neu geschriebenen Texte wurden jedes Mal diskutiert und vorgelesen. Dazwischen besprachen wir die zuvor eingereichten Kurzgeschichten und gaben Hinweise zum »theoretischen Anteil« beim Thema Kurzgeschichte. Der Samstag raste buchstäblich an uns vorbei, und ich war echt froh, als ich nach 22 Uhr endlich ein Feierabendbier trinken konnte.

Auch am Sonntag gingen wir noch einmal an die neu geschriebene Geschichte; diesmal sollten die Teilnehmer einen Abschluss verfassen, obwohl sie teilweise nicht wussten, in welche Richtung sich ihr Text entwickeln würde. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Autoren während des Seminars und bei den jeweiligen Aufgaben ein besseres Gefühl für ihren Text entwickelt hatten.

Letztlich kann bei einem Seminar nur die Person lernen, die »offen« ist und sich so in das Seminar setzt, dass sie die unterschiedlichen Meinungen und Ansichten aufnehmen kann. Nicht nur das, was von den Dozenten kommt, ist wichtig; jede Aussage eines jeden Seminarteilnehmers kann dazu helfen, dass man besser mit seinen Texten umgehen kann. Ein Seminar in Wolfenbüttel ist in diesem Sinn außergewöhnlich – die dauernde Kommunikation ist zwar anstrengend und fordernd, bringt aber meiner Ansicht nach mehr für die jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Als ich am Sonntagmittag die Heimfahrt nach Süden antrat, war ich recht erschöpft. Aber ich war davon überzeugt, dass die meisten durch das Seminar neue Erkenntnisse gewonnen hatten ...

Klaus N. Frick

 

Zurück