Logbuch: Der Autor von ATLAN-Polychora Band 2 erzählt über seine Arbeit an: »Kommandofehler«

19.07.2012 08:11 von vpm

Rüdiger Schäfers ATLAN-Polychora Roman Band 2 ist seit Anfang Juli im Handel. Mit seinem Werkstattbericht gibt er einen schönen Einblick über seine Herangehensweise, seine Art zu recherchieren und die eigentliche Romanarbeit an seinem Werk:

»Die E-Mail von Sabine Kropp, in dem sie mir Mitte Februar Band 2 der »Polychora«-Trilogie anbot, löste zunächst einmal eine leichte Panikattacke aus. Seit Anfang des Jahres arbeitete ich gemeinsam mit meinem Freund und Autorenkollegen Michael H. Buchholz an einem größeren eigenen Projekt, und nun hegte ich natürlich die Befürchtung, dass Michael verstimmt sein könnte, wenn ich mich plötzlich einfach mit dem unsterblichen Arkoniden einlassen würde. Als ich Michael am Telefon von der Offerte und meinen diesbezüglichen Zweifeln erzählte, lachte er nur.

Mach dir doch nichts vor, sagte er. Du weißt genau, dass du es tun willst, also tu es gefälligst. Ich habe in den nächsten Wochen ohnehin selbst beruflich genug um die Ohren. Erleichtert sagte ich also zu.

Am 17. Februar, rechtzeitig zum Wochenende, traf ein ganzer Schwung von Dateien in meinem elektronischen Postkorb ein. Da waren vor allem Exposé und Manuskript von Band 1 sowie diverse Datenblätter zu Orten und Personen. Zunächst widmete ich mich also Achims Manuskript. Das Buch war ja bereits erschienen, also hatte mir Sabine Kropp gleich den schon von Michael Thiesen und ihr lektorierten Text geschickt, der dem Inhalt des Taschenbuchs praktisch eins zu eins entsprach. Bereits am späten Freitagabend hatte ich die Hälfte der Geschichte gelesen, was zum einen daran lag, dass ich Achims Schreibe sehr gerne mag, zum anderen daran, dass die Kölner Frohnatur mal wieder ein richtig unterhaltsames Stück ATLAN produziert hatte.

Anfang der Folgewoche traf endlich mein eigenes Exposé ein, dessen Lektüre für mich stets die spannendste Phase im Entstehungsprozess eines ATLAN-Taschenbuchs ist. Schon beim ersten Lesen reifen meistens Ideen für Szenen im Kopf, Bilder und Handlungselemente, die ich sofort notiere. Beim zweiten Lesen kommt der Textmarker zum Einsatz. Ich streiche Stellen an, die meiner Meinung nach besonders relevante Informationen enthalten, Fakten, die ich dem Leser unbedingt vermitteln muss, oder die er auf gar keinen Fall erfahren darf, und die ich lediglich als Autor benötige, damit ich weiß, in welche Richtung ich eine Handlung oder eine Figur entwickeln muss.

Das hat fast zwangsläufig zur Folge, dass der Expokrat, in diesem Falle also Götz Roderer, meist sehr schnell von mir belästigt wird und ich ihn mit Dutzenden von Fragen löchere. Doch nicht nur das. Meistens (ach was, seien wir ehrlich: immer!) habe ich auch ein paar Vorschläge, wie man die ohnehin schon tolle Handlung noch besser machen kann.

Manchmal glaube ich das Zähneknirschen aus Regensburg bis nach Leverkusen hören zu können, wenn der geplagte Götz Roderer sich mal wieder mit meinen Änderungswünschen herumplagen muss. Natürlich sind Sabine Kropp als Redakteurin und Michael Thiesen als Datenpapst und Lektor in die komplette Korrespondenz einkopiert, damit sie stets auf dem aktuellen Stand der Diskussion bleiben. Sabine Kropp greift allerdings nur direkt ein, wenn sich unsere Männerrunde mal nicht einig wird, denn die endgültigen Entscheidungen trifft nun einmal sie als Verlagsverantwortliche.

Der nächste – und nicht minder wichtige – Arbeitsschritt, ist mein Szenenplan. Ich weiß, dass viele Kollegen auf einen solchen verzichten, und das ist völlig legitim. Kein Autor arbeitet wie der andere; jeder hat seine Vorlieben und Eigenheiten. Mir persönlich gibt ein Szenenplan Sicherheit. Zum einen verrät er mir den groben Handlungsaufbau des Buches und hilft mir, die entsprechenden Spannungspunkte an die richtigen Stellen zu platzieren. Zum anderen habe ich durch ihn permanent die Kontrolle über den Platz, der mir noch zur Verfügung steht, respektive den ich bereits verbraucht habe, denn nichts ist schlimmer, als wenn man am Ende eines Buches die Handlung strecken oder verdichten muss, weil man vorher zu viel oder zu wenig geschrieben hat. So etwas merken aufmerksame Leser sofort und es stört die Kontinuität der Geschichte.

Ende März führte ich noch einmal ein längeres Telefongespräch mit Götz Roderer. Für das Finale des zweiten Buchs hatten sich einige Fragen ergeben, denn wie immer kristallisierten sich bestimmte Details und Entwicklungen im Kleinen erst direkt während des Schreibens heraus. Dann beschäftigt man sich als Autor nämlich sehr intensiv mit dem Innenleben der Figuren, lässt sie in mentalen Monologen ihre Motive darlegen und dem Leser erklären, was sie warum tun. Sehr häufig wird man erst dann auf Handlungsverläufe aufmerksam, die aus diesem oder jenem Grund nicht funktionieren oder nicht in den zuvor gesetzten Kontext passen.

Schwere Entscheidungen hatte ich diesmal vor allem in Sachen Figurenfokus zu treffen. Das Exposé von Götz hielt so viele starke Protagonisten bereit (Galverin Schmidt, Tipa Riordan, Rulan Karkeron, Aliken Hantoon, den Paladin), dass es schwer war, sich diejenigen herauszusuchen, die schließlich im Zentrum der Geschichte stehen sollten. Da Atlan selbst im Buch eine vergleichsweise geringe Rolle spielt, musste ich festlegen, aus welcher Perspektive die einzelnen Handlungsebenen erzählt werden sollten. Dabei durfte das Gesamtbild aber auch nicht zu mosaikartig wirken und der Leser das Gefühl bekommen, dass ich wild von Figur zu Figur springe.

Am 16. April war es schließlich geschafft! 132 eng beschriebene Druckseiten warteten auf die finale Lektüre, ebenfalls ein Ritual, auf das ich – wenn terminlich irgend möglich – nur sehr ungern verzichte. Nach Abschluss eines Romans lese ich diesen noch einmal komplett und in einem Zug von Anfang an. Da alle Eindrücke dann noch frisch sind, kann ich jetzt Fakten oder Überlegungen einfügen, die zu Beginn der Arbeit noch nicht absehbar oder offensichtlich waren. Ich kann Hinweise auf spätere Ereignisse oder Entwicklungen streuen, und vor allem den allgemeinen Lesefluss überprüfen.

Mit dem Schreiben dieses Werkstattberichts ist das Thema »Polychora« für mich nun endgültig abgeschlossen. Ich warte natürlich gespannt auf Band 3, denn dort wird es für die Leser noch einige heftige Überraschungen geben. Auch wenn ich die weitere Handlung im Groben kenne, wird es doch sehr interessant sein zu erfahren, wie der nächste Autor meine Geschichte fortsetzt. Nachdem mir Götz Roderer seine Planungen am Telefon dargelegt hatte, hätte ich am liebsten gleich selbst weitergeschrieben …«

Das Taschenbuch kann für 11,95 Euro unter der ISBN: 978-3-86889-170-6 bei unserem Lizenzpartner Ulisses Spiele GmbH oder sonst überall im Handel bestellt werden.

 

Rüdiger Schäfer

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