Logbuch: Countdown für einen PR NEO-Roman (Teil 1)

22.05.2013 08:01 von vpm

Ein Werkstattbericht von Rüdiger Schäfer zu PERRY RHODAN NEO Band 44

Die E-Mail wartete Anfang Oktober 2012 in meinem elektronischen Eingangskorb. Sie stammte von Frank Borsch und traf mich doch einigermaßen unvorbereitet. »Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus«, schrieb der in Freiburg lebende Chef- und Exposéautor der PERRY RHODAN NEO-Serie. »Könntest du dir vorstellen, einen Roman für NEO zu schreiben? Wenn ja, dann lass uns doch mal telefonieren.«

Wenige Monate zuvor hatte ich erfahren, dass die ATLAN-Taschenbücher, die zunächst bei FanPro, dann bei Ulisses erschienen waren, mit dem für November vorgesehenen 28. Roman auf unbestimmte Zeit pausieren sollten. Und da mir die Ausflüge ins erweiterte Perryversum (ich durfte zwischen 2007 und 2012 immerhin ganze sieben Taschenbücher der Reihe verfassen) immer viel Spaß gemacht hatten, musste ich nicht lange überlegen. Ich sagte also zu.

Das im Mail angekündigte Telefonat fand an einem der nachfolgenden Wochenenden statt. Frank erläuterte mir ausführlich die Philosophie hinter der NEO-Serie, die natürlich viel mehr leisten muss, als einfach nur die altbekannte Story der Originalhefte nachzuerzählen. Insofern wurde mir sehr schnell klar, dass trotz meiner langjährigen Erfahrung mit dem gewaltigen PR-Kosmos zunächst einmal eine Menge Vorarbeiten auf mich zukommen würden. Wenig später erhielt ich viele Hintergrundpapiere, und ich sah mich einer wahren Lawine von Material gegenüber!

Da ich (mit Ausnahme des ersten Romans) bis dahin noch nichts von PR NEO gelesen hatte, schnorrte ich Klaus Bollhöfener zunächst einmal um ein paar aktuelle Bände an, die wenige Tage später bereits eintrafen. Zwar hätte ich mich ebensogut durch die alten Expos wühlen können, aber ich wollte vor allem ein Gefühl dafür bekommen, wie die bislang eingesetzten Kollegen das neue Universum aufgebaut hatten. Hilfreich war dabei ohne Frage auch der Einstiegstext, den Frank speziell für NEO-Neulinge verfasst hat und der sich unter anderem mit schriftstellerischen Konventionen und Festlegungen aller Art befasst.

Nach Uwe Anton, Michael Marcus Thurner und Götz Roderer sollte Frank Borsch nun also der vierte im Bunde sein, mit dessen Exposés ich arbeiten durfte – und selbstverständlich ging auch dieser auf seine ganz eigene Art und Weise an die Sache heran.

Was mich von Anfang an begeisterte: Frank gab mir zunächst nur einen Rahmen vor, erklärte mir, welche Elemente und Ereignisse auf jeden Fall im Roman verarbeitet werden mussten, und forderte mich dann auf, eigene Ideen beizusteuern, wenn ich das denn wollte. Natürlich wollte ich, und so entstand innerhalb kürzester Zeit in wechselseitiger Diskussion mein fertiges Exposé.

Besonders wichtig war mir dabei, dass ich aus der doch recht umfangreichen Entourage Perry Rhodans nur eine kleine Auswahl an die Hand bekam, auf die ich mich konzentrieren konnte. Neben Perry selbst waren das ausgerechnet Crest und Atlan, was ein absolut phantastisches Trio ergab. Mein erster NEO – und dann gleich eine derart hochkarätige Besetzung!

Als nächstes nahm ich Kontakt mit Oliver Plaschka auf, der mit Band 42 ebenfalls sein NEO-Debüt gab, und an dessen Geschichte ich direkt anschließen sollte. Kein Exposé ist so detailliert, dass man sich die Absprache mit dem Kollegen, der den selben Handlungsstrang ausarbeitet, sparen kann. Wenn es zum Beispiel Schauplätze gibt, die in beiden Romanen vorkommen – wie in vorliegendem Fall die Zentrale des trebolanischen Netz-Schiffes HIS-KEM-IR – dürfen die Beschreibungen der Örtlichkeit nicht voneinander abweichen.

Oliver steckte bereits mitten im Schreiben, beantwortete meine Fragen aber ebenso bereitwillig wie ausführlich. Dennoch wandte ich mich zunächst einmal der zweiten Handlungsebene meines Romans zu: den Geschehnissen an Bord des Orbitalgeflechts über Artekh 17.

Dort hatte ich es nicht nur mit Sergh da Teffron, der mächtigen Hand des Regenten zu tun, sondern auch mit seinem Assistenten, dem Halbarkoniden Stiqs Bahroff, der einen Zellaktivator quasi »zur Probe« trug. Für diese Kapitel hatte ich ungefähr ein Drittel des Romans reserviert, denn der Fokus sollte selbstverständlich auf Perry Rhodan und seiner Suche nach einem passenden Raumschiff für seinen weiteren Vorstoß nach Arkon liegen.

Der Vorteil der Teffron/Bahroff-Ebene war, dass ich hier keine Vorgaben (von den knappen Datenblättern abgesehen) zu beachten brauchte, sondern die äußeren Umstände selbst festlegen konnte. Zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich also eine Nebenhandlung komplett durch und fügte die einzelnen Kapitel später in die Haupthandlung ein. Bislang hatte ich stets chronologisch gearbeitet.

Eine meiner größten Sorgen war die, dass die verfügbaren rund 300.000 Anschläge nicht ausreichen würden, um meine Geschichte wie gewünscht zu erzählen. Zwar sind die PR NEO-Taschenhefte deutlich umfangreicher als ein Roman der PR-Erstauflage, doch ich hatte in den vergangenen Jahren ausschließlich Taschenbücher verfasst – und die waren mit rund 540.000 Anschlägen noch einmal ein gutes Stück länger.

Da man solcherlei Ängste am besten mit penibler Planung bekämpft, machte ich mich wie gewohnt an die Erstellung eines Seitenplans – ohne einen solchen fange ich nie mit dem eigentlichen Schreiben an. Ein Seitenplan ist wenig mehr als eine Liste mit allen Kapiteln des Romans in der vorgesehenen Reihenfolge und mit einer meist nur aus Stichpunkten bestehenden Inhaltsangabe. Wenn diese steht, brauche ich nur die verfügbaren Anschläge zu verteilen und kann danach während des Schreibens jederzeit überprüfen, ob ich umfangtechnisch noch im Soll liege.

(Teil zwei des Werkstattberichtes folgt dann morgen!)

 

 

Rüdiger Schäfer

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