Der Redakteur erinnert sich: Wie die Solare Residenz entstand ...

18.01.2013 08:00 von vpm

Bei der PERRY RHODAN-Konferenz am 7. und 8. Februar 1999 wurden grundlegende Weichen für die Zukunft der Serie gestellt: Mit den Exposéautoren Ernst Vlcek und Robert Feldhoff besprach ich die Romane, die nach dem Jubiläumsband 2000 kommen sollten.

Vor allem am Montag, 8. Februar, wurden viele Ideen entwickelt; das lag womöglich an den wechselnden Lokalitäten, die wir in der Innenstadt von Karlsruhe wählten. Im Frühstückssaal des Hotels, in dem die Autoren untergebracht waren, fixierten wir endgültig, wer den Band 2000 schreiben sollte. Ernst Vlcek und Robert Feldhoff sollten diesen außergewöhnlichen Jubiläumsroman zusammen verfassen, jeder mit einer eigenständigen Handlungsebene.

»Wir machen's generationenmäßig«, schlug Ernst Vlcek mit dem ihm eigenen Humor vor. »Ich übernehm' die Vergangenheit, und Robert greift in die Zukunft.« Das fanden wir alle gut, und so wurde es letztlich umgesetzt.

Wobei sich unsere Ideen zur Zukunftshandlung noch eher bescheiden lasen: »Robert wird in diesem Roman die zwanzig Jahre beschreiben, die zwischendurch vergangen sind«, verrät das Protokoll von damals. »Bei einer Zeremonie in der Solaren Residenz« solle ES einen Zellaktivator verleihen, dieser solle an Monkey gehen, und dabei solle die Superintelligenz – vertreten durch einen Boten – die Geschichte ihrer geheimnisvollen Vergangenheit enthüllen.

Ernst Vlcek sollte die Geschichte eines uralten Volkes erzählen, das vor vielen Jahren »mit Mann und Maus vernichtet« worden war; aus den Überlebenden habe sich irgendwann die Superintelligenz ES entwickelt. Die junge Wesenheit habe sich zuerst in die Galaxis Fornax geflüchtet, dann aber in die Milchstraße, wo sie »organische Helfer« gesucht habe. Diese erwiesen sich als eine »Gruppe von Primaten, die in einem Sonnensystem wohnten, das aus einer gelben Sonne und zehn Planeten bestand« – bei dieser Besprechung legten wir also die Zusammenhänge zwischen ES und der Menschheit fest.

Auf eine Idee von Ernst Vlcek, der schon immer die ESTARTU-Romane gemocht hatte, ging darüber hinaus der Zusammenhang zu der Superintelligenz ESTARTU zurück. Nach Ernsts Überlegung handle es sich dabei um »eine Art Schwester, die von der Ur-Galaxis in eine andere Galaxis flieht, um dort eine neue Existenz beginnen zu können«.

Wie sollten wir die neue Handlungsebene starten? Der Band 1000 hatte vor zwanzig Jahren eher ruhig angefangen, wir wollten alle mehr Action haben.

»Das wird eine starke Szene!«, freute sich Ernst Vlcek schon im Voraus, als wir festlegten, wie wir Band 2000 beginnen lassen wollten. Das Protokoll äußert sich hierzu sehr eindeutig. »Erste Szene der Vergangenheits-Handlung sollte sein: Eine dunkelgrüne Echse killt den letzten der ES-Urrasse. Das ist die Geburtsstunde von ES.«

Nach dem Mittagessen, das wir in einer nahe gelegenen Pizzeria einnahmen und das eher einem Imbiss ähnelte, wechselten wir den Konferenz-Ort. Wir gingen in meine Wohnung. Was ich nicht berücksichtigt hatte, war die Tatsache, dass Ernst Vlcek ein starker Raucher war und sich auch durch Bitten und Betteln nicht davon abhalten ließ, eine Zigarette nach der anderen zu konsumieren ... Immerhin durfte ich zwischendurch trotz der niedrigen Außentemperatur ein wenig lüften – den Geruch nach Tabakrauch bekam ich aber für gut zwei Wochen nicht aus dem Wohnzimmer.

In der Wohnung konnten wir auch Musik hören und Comics durchstöbern. Ernst ließ sich Bands wie MASSIVE ATTACK vorspielen (nach der eher krachigen Musik am Vorabend sicher eine Erholung), während Robert sich über obskure Comics amüsierte. Gearbeitet wurde dennoch – und zwar erneut am laufenden Zyklus. Wir durften schließlich nicht nur über die ferne Zukunft sprechen, sondern mussten auch ans Aktuelle denken.

Wie sich die Beziehung zwischen Mondra Diamond und Perry Rhodan entwickeln sollte, war ebenso ein Thema der Runde wie die Beziehung der beiden zu ihrem Sohn Delorian. »Kommen Delorian und Roi Danton überhaupt miteinander aus?«, fragte Ernst beispielsweise, der bereits im »wirklichen Leben« seine Erfahrung mit zwei Söhnen gesammelt hatte. Und Robert überlegte sich, ob Perry Rhodan seinen jüngsten Sohn »überhaupt jemals sehen« sollte ...

Darüber hinaus legten wir fest, was die Solare Residenz eigentlich sein solle: In der ursprünglichen Form handelte sich schlicht um eine »Plattform mit etwa 250 Metern Durchmesser«, die tausend Meter hoch sein und in einer Höhe von vielleicht einem Kilometer über dem alten HQ-Hanse schweben sollte. »Es gibt einige runde Terrassen rings um das Bauwerk, auf denen Space-Jets landen können«, ergänzte die Beschreibung, aus der letztlich später die Form der »Stahlorchidee« werden sollte.

Uns kam es zu diesem Stand vor allem darauf an, wie man eine packende Handlung dazu schreiben konnte. So stellte sich Robert bereits vor, wie faszinierend ein Antigravlift »vom HQ-Hanse bis hoch zur Solaren Residenz« sein könnte. »Durch diesen durchsichtigen Antigravlift können sich mutige Menschen rund 1000 Meter hoch tragen lassen; das ist was für Mutige, die die Solare Residenz besichtigen wollen.«

Festgelegt wurden einige Begrifflichkeiten wie das »holografische Museum, das terranische und galaktische Geschichte zeigt« oder »das Restaurant Marco Polo«, das drehbar sein sollte. Wir definierten den Fusionsantrieb, weil wir schon wussten, dass die Solare Residenz einmal fliehen sollte, und wir vergaben einen Namen für den Computer: Er sollte LAOTSE heißen.

Die Solare Residenz sollte ein weiterer Baustein für eine möglichst vielfältige und abwechslungsreiche Romanhandlung nach Band 2000 sein ... Wir waren sicher, dass ein spannender Zyklus auf uns zukommen würde.

Klaus N. Frick

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