Der Redakteur erinnert sich: Wie das Club-Kontakt-Netz entstand

02.10.2013 08:28 von vpm

Wir saßen an jenem Samstag, 19. April 1980, in der kleinen Stadt Nagold zusammen: drei Jugendliche, die von einer Mission beseelt waren. Einer davon war ich, die anderen zwei waren Frank und Robert, und unser Plan war, die zerstrittene deutschsprachige Fan-Szene zu einigen. Darüber diskutierten wir den ganzen Tag lang und auch über den Abend hinweg, immer wieder unterbrochen durch viel Quatsch und Unfug.

Es war Robert, der irgendwann damit anfing, die Floskel »mit einiger Toleranz« einzubauen. Gemeint waren damit Pläne und Überlegungen, die noch nicht hundertprozentig sicher waren, von deren Sinn wir aber überzeugt waren. Das fanden wir drei alle so witzig, dass wir diese Floskel den ganzen Tag über benutzten – und ich schrieb sie später in das entsprechende Fanzine mehrfach hinein.

Wir vereinbarten, dass wir das PERRY RHODAN-Magazin sowie die PERRY RHODAN-Clubnachrichten systematisch durchforschen wollten. Alle Clubs, die sich neu gründeten, wollten wir anschreiben und über das Club-Kontakt-Netz informieren. Wir wollten diese Clubs weder auflösen noch sie zwangsweise vereinen – so großkotzig waren unsere Überlegungen dann doch nicht –, aber wir hatten die Idee, dass künftig alle an einem Strang ziehen sollten.

Das Ziel, das wir auch schriftlich festhielten: »... die SFCs einander näher zu bringen, den Einstieg neuer Clubs ins Fandom zu erleichtern und die unterste Vorstufe zu einem bundesweiten Dachverband zu sein.« Wir vereinbarten, zum VaiCon zu fahren, der in wenigen Wochen in der kleinen Stadt Vaihingen stattfinden sollte – dort sollte sich der PERRY RHODAN-Club Deutschland als Dachverband aller PERRY RHODAN-Fans konstituieren.

Und wir beschlossen, dass es bereits kurz darauf einen sogenannten ChefCon geben sollte: Gemeint war eine Veranstaltung, zu der die Vorsitzenden und Sprecher aller PERRY RHODAN-Clubs kommen sollte. Allerdings war uns zu diesem Zeitpunkt weder klar, wer das organisieren sollte, noch, wo die Sache stattfinden sollte. Immerhin planten wir bereits für den August, eine Vollversammlung aller CKN-Mitglieder in Nagold zu veranstalten.

(Auf die Idee, dass dieser rasante Zeitplan nie funktionieren konnte und auch mit unserem privaten Leben nicht in Übereinstimmung zu bringen war, kamen wir damals natürlich nicht. Wir waren davon überzeugt, dass jeder, der von unseren Plänen hörte, sie begrüßen und ihnen zustimmen würde. Zweifel kamen an diesem Tag und in den darauf folgenden Wochen zumindest bei mir keine auf.)

Wir machten uns Gedanken, wie der Vorstand des Club-Kontakt-Netzes strukturiert sein sollte, und wir überlegten uns, welche Werbeblätter auf den neuen Verein aufmerksam machen sollten. Sogar ein Club-Beitrag wurde festgelegt.
Darüber hinaus strebten wir den »Informations- und Erfahrungsaustausch« mit anderen Vereinen an. Ein monatliches Fanzine für die internen Themen wurde beschlossen, ein externes Fanzine wurde diskutiert – wir machten uns schon Gedanken darüber, welche Auflage und welchen Preis es haben sollte.

Einigermaßen ironisch liest sich im Protokoll der weitere Plan, wie er unter Punkt sieben verkündet wird: »Für die nächsten Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte wird mit einiger Toleranz die Ausbreitung des CKN ins deutschsprachige Ausland erarbeitet. Für später ist dann nicht ausgeschlossen, dass das CLN sich über Westeuropa und dann über den Rest der Welt ausbreitet.«

Neben diesen sehr ernst gemeinten Diskussionen über die Zukunft des noch nicht einmal gegründeten Club-Kontakt-Netzes hatte dieses erste Treffen, das ich mit anderen Fans außerhalb von Freudenstadt hatte, vor allem eine Funktion: Wir blödelten herum, wir redeten über Science Fiction und diskutierten über das Fandom. Jeder von uns hatte seine ersten Erfahrungen und Kenntnisse gesammelt.

Frank zeigte uns seine skurrilen Zeichnungen, die er anfertigte, während ich stolz von meinen Erfahrungen als Autor von Kurzgeschichten erzählte. Wir berichteten von den Kontakten mit anderen Clubs, Frank spielte uns darüber hinaus Kassetten mit Tonbriefen vor.

Einer blieb mir über alle Jahrzehnte hinweg im Gedächtnis: Es war ein Tonbrief des PERRY RHODAN-Clubs Veast'Ark aus Bad Orb, der von mehreren Clubmitgliedern gemeinsam besprochen worden war. Der Großteil des Tonbriefs bestand aus Gelächter. Wir verstanden zwar nicht immer, worüber gelacht wurde, aber es schien, dass die aktiven Fans in Bad Orb viel Spaß mit ihren Club-Aktivitäten hatte.

Wir verabredeten noch, dass ich das erste Fanzine des Club-Kontakt-Netzes machen sollte – es sollte den Titel EINS tragen und an alle potenziellen Mitglieder verschickt werden. Das Porto würde ich aus dem »Etat« meines Fanzines SAGITTARIUS nehmen. Diesen frischte ich regelmäßig durch Geld auf, das ich mir durch kleine Jobs auf der Baustelle oder in der Landwirtschaft verdiente.

Irgendwann gingen wir ins Bett. Ich mümmelte mich in meinen Schlafsack und verbrachte eine ruhige Nacht. Am nächsten Morgen gab es ein reichhaltiges Frühstück, dann trennten wir uns.

Als ich mit meinem Rad durch die Schwarzwaldtäler nach Hause strampelte, zeitweise genervt durch leichten Nieselregen, war ich komplett euphorisch. Das Club-Kontakt-Netz würde meinen Bekanntheitsgrad in der Fan-Szene verstärken, da war ich mir völlig sicher – meinem weiteren Aufstieg in die höheren Sphären der Science Fiction stand also nichts mehr im Weg.





Klaus N. Frick

Zurück