Der Redakteur erinnert sich: Vorsichtige Gehversuche in Richtung Heyne

11.10.2012 08:00 von vpm

Der Science-Fiction-WorldCon war einer der Höhepunkte des Science-Fiction-Jahres 2001– und er sollte wichtige Auswirkungen für PERRY RHODAN mit sich bringen. Der Con fand vom 30. August bis zum 3. September im Philadelphia Convention Center statt, und rund 5000 SF-Fans aus aller Welt nahmen daran teil. Darunter waren unter anderem der PERRY RHODAN-Autor Uwe Anton und ich.

Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, was wenige Tage später nicht nur den amerikanischen Kontinent, sondern die gesamte Welt erschüttern sollte. Der »Nine Eleven« war gedanklich in weiter Ferne, auch wenn es nur wenige Tage bis dahin waren. Flugzeuge, die von Terroristen als fliegende Bomben benutzt wurden, gab es bis dahin nur in übertriebenen Thrillern.

Es war der erste oder zweite September 2001, so genau weiß ich es leider nicht mehr. Mit Sascha Mamczak, dem Science-Fiction-Lektor des Heyne-Verlags, hatte ich mich in einem Café verabredet. Wir wollten gemeinsam frühstücken und vor allem ein wenig über eine mögliche Zusammenarbeit fachsimpeln. Konkrete Absichten hatten wir zu dieser Zeit keine, jeder hegte wahrscheinlich für sich geheime Überlegungen.

Bis zu diesem Wochenende kannten sich Sascha Mamczak und ich zwar, aber wir hielten eine »professionelle Distanz«. Man grüßte sich auf Buchmessen, man gab sich die Hand, man siezte sich. Ich schätzte seine Sachkenntnis, die er seit Jahren bewies, und wusste, dass er sich in punkto Science Fiction richtig gut auskannte.

Den direkten Kontakt zwischen uns hatte während des WorldCons eigentlich Werner Fuchs eingefädelt. Der Verleger von Fantasy Productions, mit dem ich vor Ort den vierzigsten Geburtstag von PERRY RHODAN bekannt machen wollte, fungierte bei dieser Veranstaltung oft als Türöffner und Kontaktmann. Er kannte viele Leute, und er machte mich mit diesen bekannt, unter anderem mit Sascha Mamczak.

So saßen wir an einem Abend alle in der Hotelbar, tranken Bier und Cocktails, und bereits nach kurzer Zeit war klar, dass sich Sascha und ich künftig duzen würden. Das distanzierte »Sie« fiel, ohne dass ich darüber nachdachte.

Und dann trafen wir uns in diesem Café. Es war gut eineinhalb Kilometer vom Con-Gebäude entfernt, am Rand eines »Szene-Viertels« gelegen, vor dem die Con-Veranstalter in ihrem Prospekt sogar gewarnt hatten. Gegenüber der protzigen Hotel- und Kongress-Szenerie der eigentlichen Innenstadt sah die Umgebung mit ihren kleinen Häusern, Bars und Tätowier-Studios aber eher aus wie eine Innenstadt in Deutschland – mir gefiel es dort besser.

Das Café war klein und übersichtlich, es wirkte eher studentisch. Wir setzten uns ins Freie, bestellten uns Bagels und Kaffee und ließen es uns schmecken. In der Sonne war es angenehm. Der Blick fiel über eine recht ruhige Straße, an deren Ende sich ein Industrie- und Hafengebiet erstreckte; die schweren Maschinen standen am Wochenende still.

Sascha und ich unterhielten uns über die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen: ich in einem Zeitschriftenverlag mit angeschlossenem Buchbereich, bei dem die Science Fiction weder zum einen noch zum anderen Bereich so richtig gehörte, er in einem Buchverlag, in dem die Science Fiction eher ein Randthema war. Das war interessant, weil es mir die Augen darüber öffnete, wie in einem »reinen« Buchverlag gearbeitet wurde.

Unweigerlich kamen wir auf die gemeinsame Vergangenheit beider Verlage zu sprechen. Bekanntlich war PERRY RHODAN ein Kind des Moewig-Verlages, und der gehörte 1961 zum Heyne-Verlag. »PERRY RHODAN kommt damit aus der Türkenstraße«, sagte Sascha, eine Anspielung auf die Straße in München, in der Heyne jahrelang seine Büros hatte. Ich hatte diese Büros in den frühen 90er-Jahren besucht, als die PERRY RHODAN-Taschenbücher für drei Jahre von Heyne als Lizenz übernommen worden waren.

Wir diskutierten darüber, warum die damaligen Taschenbücher bei Heyne kein Erfolg werden konnten. »Ihr habt zuviel auf einmal gemacht«, argumentierte ich. Sascha Mamczak konterte: »Man kann kaum behaupten, dass jedes eurer Taschenbücher so richtig gut war.« Ich räumte ein: »Viele abgeschlossene Science-Fiction-Geschichten hatten nur am Rand mit dem PERRY RHODAN-Kosmos zu tun. Das fanden die Leser wohl nicht mehr attraktiv.«

Wir schauten uns an und waren einer Meinung: Wenn man PERRY RHODAN erfolgreich publizieren will, muss man es also »richtig machen«. Aber was hieß denn eigentlich richtig?

Sascha argumentierte: Man dürfte nicht versuchen, die Inhalte der Heftromane ins Taschenbuch zu übertragen. Man müsse hierfür anders schreiben, andere Stoffe anbieten. »Nur dann erreichen wir auch Leute, die außerhalb eurer Heftroman-Szene stehen.« Und ohne dass wir es geplant hatten, saßen wir auf einmal mitten in einem Lizenzgespräch ...

Wie wäre es denn, wenn wir PERRY RHODAN noch einmal als Taschenbuch herausbrächten? Wieder im Heyne-Verlag, aber dann nicht als unendliche Fortsetzungsreihe, sondern als »Zyklus mit Event-Charakter« ... Wir stellten uns schon die Schlagzeilen vor: »PERRY RHODAN kehrt zurück in die Türkenstraße.«

Sascha Mamczak hatte gleich den richtigen Vergleich parat: »Das ist wie bei ›Star Trek‹. Die PERRY RHODAN-Heftromane sind die Fernsehserie, die neuen Taschenbücher sind dann der Kinofilm.« Er breitete die Hände aus, als hielte er eine Schlagzeile hoch: »Science Fiction im Breitwandformat – das ist es.«

Nach dem Frühstück nahmen wir ein Taxi und fuhren zurück ins Kongresszentrum. Ich war nach dem Gespräch richtiggehend beflügelt von den neuen Überlegungen. Und in meinem Kopf reifte schon der Gedanke, welchen Autor ich als ersten für ein Brainstorming anrufen könnte ...



Klaus N. Frick

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