Der Redakteur erinnert sich: Stapel von Heftromanen

08.07.2014 07:43 von vpm

Im Sommer 1977 las ich meine ersten drei PERRY RHODAN-Romane; es war in einem Zeltlager im Schwarzwald, bei dem mir irgendwann langweilig wurde. Die Serie packte mich, und ich wollte mehr haben. Dummerweise hatte mein Kumpel, der PERRY RHODAN las, nur drei Hefte aus drei unterschiedlichen Zyklen dabei – das bremste mein Engagement stark ein.

Kaum war ich aus dem Zeltlager zurück, fuhr ich zu meinem Kumpel. Genauer gesagt: Ich besuchte seinen großen Bruder, denn diesem gehörten die Hefte, und er lieh sie dem kleineren Bruder aus. Wir trafen uns im Garten seines Elternhauses, das auf der anderen Seite unseres Dorfes lag.

»Ich möchte mehr von PERRY RHODAN lesen«, sagte ich.

Der Große – damals immerhin schon neunzehn Jahre alt – wusste Bescheid, man hatte ihn informiert. »Man muss das so lesen, dass man in einem Zyklus bleibt«, erläuterte er. »Fang mit dem Blues-Zyklus an, der liegt gerade in der dritten Auflage vollständig vor.«

Dann drückte er mir gut zwei Dutzend Romanhefte in die Hand, alle zerlesen und in unterschiedlichen Zuständen. Sie rochen nach Zigarettenrauch, aber das störte mich nicht. Wir stopften die Romanhefte in eine Plastiktüte, ich stieg auf mein Rad und strampelte zurück.

An diesem Tag war nicht mehr viel mit mir anzufangen. Ich sortierte die Hefte in der richtigen Reihenfolge und betrachtete sie nacheinander. Jedes Titelbild schaute ich mir genau an, jedes Bild prägte ich mir ein. Was ich noch vor einer Woche als grell und »schundig« betrachtet hatte, fand ich jetzt faszinierend.

Dann versteckte ich die Heftromane. Meine Eltern glaubten, »Schund« als verwerflich brandmarken zu müssen, und hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn sie den Berg an »Schundheften« gesehen hätten. Aber ich freute mich wie wahnsinnig auf die anstehende Lektüre.

Am nächsten Tag baute ich meine Hängematte im Garten auf, schnappte mir den ersten Heftroman und begann mit der Lektüre. Es war ein herrlicher Sommertag, und er eröffnete eine ganz neue Welt für mich. Ich lernte Lemy Danger kennen, den tapferen Siganesen, und fand ihn witzig. Gucky kannte ich bereits, das war nichts neues – aber jetzt erfuhr ich auch mehr über Ertruser und Epsaler und andere Völker, die zum Galaktischen Imperium gehörten.

Gemeinsam mit den Terranern kämpfte ich gegen die Blues, die aus der Eastside kamen, gemeinsam mit Perry Rhodan wurde ich von den Männern des Obmanns Iratio Hondro entführt. Vor meinen Augen entfaltete sich das Panorama einer phantasievoll geschilderten Milchstraße, in der es Dutzende von Sternenreichen gab, die gegeneinander kämpften oder miteinander arbeiteten.

Innerhalb von drei Tagen hatte ich die Hefte ausgelesen; jeden Tag schaffte ich gleich mehrere. Den Blues-Zyklus hatte der Bruder meines Kumpels nicht komplett,  aber das machte nichts, denn so konnte ich mir rasch einen Überblick verschaffen. Ich las in der Hängematte und in meinem Zimmer, und nachts träumte ich von Raumschiffen und Mutanten. Und ich wusste, dass ich mehr wollte – ich wollte die Welt von PERRY RHODAN besser kennenlernen.

Dann packte ich alles in eine Tasche, setzte mich auf mein Rad und fuhr los: den Berg hinunter, auf dem ich wohnte, durch das Tal und dann auf der anderen Seite den steilen Berg wieder hoch und in das Neubauviertel. Diesmal durfte ich mit in das Zimmer des großen Bruders, der keine Lust hatte, mir die Heftromane selbst herauszusuchen.

Es war ein typisches »Jungs«-Zimmer der siebziger Jahre: Poster aus der »Bravo« hingen an den Wänden, es roch nach Zigaretten und ungewaschenen Klamotten; das Bett war nicht »gemacht«. Das alles interessierte mich nicht. Ich sah nur die Stapel von Heftromanen, die sich an den Wänden türmten; es mussten Hunderte sein.

Er wies auf die Stapel. »Das ist meine PERRY RHODAN-Sammlung«, sagte er. »Such dir aus, was du magst. Ich würde dir den Meister-der-Insel-Zyklus empfehlen – aber den habe ich nicht vollständig.«

Er ließ mich allein mit dem Chaos. Wie ich schnell feststellte, war alles völlig durcheinander. In den Stapeln lagen nicht nur PERRY RHODAN-Romane, sondern auch ATLAN und TERRA ASTRA, dazu allerlei Krimi- und Westernhefte. Ich räumte mindestens eine Stunde lang auf.

Ich schichtete einzelne PERRY RHODAN-Zyklen aufeinander, dann sortierte ich die Hefte in die richtige Reihenfolge. Dass ich immer wieder die Titelbilder betrachtete oder eine Risszeichnung bewunderte, sorgte dafür, dass ich nicht schnell vorankam. Zwischendurch trat der Bruder meines Kumpels in sein Zimmer, mit einer Zigarette im Mundwinkel, was ich sehr beeindruckend fand, und schaute mir zu, während er gemütlich rauchte.

Irgendwann hatte ich gut dreißig Hefte der dritten Auflage zusammen, die ab Band 200 nummeriert waren oder noch zum Blues-Zyklus gehörten. Diese packte ich in die Plastiktüte, wobei ich versuchte, sie nicht mehr zu beschädigen, als sie es ohnehin schon waren. Wir verabschiedeten uns voneinander, dann radelte ich nach Hause.

Es war wieder ein schöner Sommertag. Spontan entschied ich mich »Straße nach Andromeda« zu lesen, den Band 200. Dieser hatte zwar nichts mit dem Blues-Zyklus zu tun, aber ich wusste bereits, dass hier unter anderem die Geschichte von Kahalo, dem geheimnisvollen Planeten, weitergesponnen werden sollte.

Und dann war's endgültig um mich geschehen. Ich fand Icho Tolot faszinierend, ich startete mit den Terranern ins Zentrum der Milchstraße und wurde mit ihnen in den Leerraum zwischen den Galaxien geschleudert – und spätestens da wusste ich, dass mich PERRY RHODAN so schnell nicht mehr loslassen würde ...

Klaus N. Frick

 

Übrigens: Den Blues-Zyklus und alle anderen Romane der Erstauflage gibt es als E-Books, z.B. bei Amazon, readersplanet und Science-Fiction-eBooks

Zurück