Der Redakteur erinnert sich: Letzte Fahrt zum Rosengarten

20.06.2014 08:14 von vpm

Eigentlich war ich am Dienstag, 4. Oktober 2011, völlig erschöpft. Ich hatte den PERRY RHODAN-WeltCon hinter mir, der mich in den Tagen davor sehr gestresst hatte und dessen Höhepunkt das Wochenende gewesen war. Und am Montag, 3. Oktober, hatte ich nicht den Tag der Deutschen Einheit gefeiert und mich gründlich ausgeschlafen, sondern die Chance genutzt, die zahlreichen E-Mails auf meinem Computer zumindest ansatzweise in Angriff zu nehmen.

Eigentlich wäre also der Dienstag ein idealer Tag gewesen, mich auszuruhen und nicht ins Büro zu gehen. Aber die Pflicht ließ das nicht zu, und so fuhr ich an diesem Morgen nicht nach Rastatt, sondern zu einem Einkaufszentrum in Karlsruhe. Dort hatte ich mich mit Sabine Kropp – sie wohnt von mir aus gesehen »hinter Rastatt« – verabredet. Auf dem vereinbarten Parkdeck trafen wir uns, und Sabine ließ dort ihr Auto zurück.

Mit meinem Wagen fuhren wir nach Mannheim, wo wir direkt die Tiefgarage unter dem Kongresszentrum Rosengarten ansteuerten. Nichts erinnerte mehr an den PERRY RHODAN-WeltCon 2011, alle Spuren waren beseitigt; es war, als sei die Veranstaltung nur ein Traum gewesen.

Zuerst steuerten wir die Rezeption des Dorint-Hotels an, das wir am WeltCon-Wochenende mit unseren Gästen so gut wie ausgebucht hatten. Die freundliche Rezeptionistin erinnerte sich an uns, dann kamen wir schnell zu unserem eigentlichen Anliegen.

»Wir müssen zum Safe«, sagte ich und wies auf meine Aktentasche. »Und dann brauchen wir ein Taxi zur Bank.«

Wir holten den Inhalt von zwei Schließfächern aus dem Safe des Hotels und gingen in den Abstellraum neben der Rezeption. Dort sortierten wir das Bargeld in die drei Stapel, die wir vorher definiert hatten: Ein Stapel enthielt die Einnahmen unserer WeltCon-Eintrittskasse, ein Stapel bestand aus den Einnahmen aus der Versteigerung, und ein dritter Stapel umfasste die Barabrechnung, die wir vor Ort mit unseren Partnern von WerkZeugs gemacht hatten.

Während des WeltCons hatte Sabine immer wieder die Tageskasse »abgeschöpft« und die Einnahmen ins Hotel transportiert. Das Kongresszentrum hatte keinen Safe, also musste immer dieser Weg zurückgelegt werden.

Sabine und ich bündelten das Geld, so gut es ging, und stopften es in meine Aktentasche. Es handelte sich um Packen von Zehn-Euro-Scheinen, zahlreichen Zwanzigern und weniger Fünfzigern; kaum vertreten waren größere Scheine. Dazu kamen Berge von Münzgeld, das wir in mitgebrachte Geldtaschen steckten. Danach war meine Aktentasche prallgefüllt.

Sabine und ich sahen uns an und lachten. Es war ein seltsamer Auftrag, den wir uns selbst gestellt hatten: Da der WeltCon an einem Sonntag geendet hatte und der Montag ein Feiertag gewesen war, mussten wir an diesem Dienstag zur Bank gehen. Dort wollten wir das Bargeld einzahlen, damit es auf das Konto des Verlages überwiesen wurde. Das Procedere hatten wir telefonisch mit der entsprechenden Filiale abgesprochen.

»Das sind einige zehntausend Euro«, sagte ich, »damit gehe ich nicht auf die Straße.«

Sabine wollte ebensowenig mit so viel Bargeld durch die Innenstadt von Mannheim spazieren. Es war reine Psychologie: Am Vormittag würde uns niemand in der Fußgängerzone überfallen, das war klar, und zu Fuß waren es nur einige hundert Meter. Aber ich fühlte mich ebenso unwohl wie meine Kollegin. »Wir sind echt Feiglinge«, spottete ich.

Das Hotel hatte bereits ein Taxi bestellt. Der Fahrer wunderte sich ein wenig über unseren Wunsch, brachte uns aber dennoch hin. Im Prinzip fuhr er in einem großen Bogen um die Fußgängerzone herum, bis wir an unserem Ziel waren. Zu Fuß wären wir tatsächlich genauso schnell gewesen.

In der Bank mussten wir warten. Wir waren nicht die einzigen, die Geld einzahlen wollten, und ich ertappte mich bei dem Gedanken, Angst vor Bankräubern zu haben – was ich sonst nie in meinem Leben verspürte. An diesem Tag hätte es sich gelohnt: Nicht nur wir waren mit einer Tasche voller Bargeld da, sondern auch zwei Männer vor uns, die dicke Geldbündel über den Tresen schoben.

Die Zählmaschinen sortierten die Scheine, wir schauten gebannt zu. Danach unterschrieben wir die drei Einzahlungsbelege und waren fertig. Als wir wieder im Freien standen, war ich echt erleichtert. Zurück bummelten wir zu Fuß, aßen unterwegs sogar ein Eis – das Wetter war schön, genauso sonnig wie während des WeltCons.

Da eine von den Geldtaschen von der Verwaltung des Kongresszentrums stammte, ging ich noch einmal in die Büroräume des Rosengartens. Bei den Personen, die ich kannte, bedankte ich mich für die gute Zusammenarbeit, schüttelte eine Menge von Händen und verließ das Gebäude in dem Bewusstsein, die meisten nie wieder zu sehen. Man war sowieso bereits damit beschäftigt, die nächste Veranstaltung vorzubereiten, PERRY RHODAN war im Rosengarten schon Geschichte.

Noch einmal gingen wir durch die Treppen des Kongresszentrums und die weite Eingangshalle, dann verschwanden wir in der Tiefgarage. Die Rückfahrt nach Karlsruhe, wo wir uns trennten, und später nach Rastatt war wie ein endgültiger Abschied vom Rosengarten.

Die Abrechnungslisten lagen noch in meinem Auto; diese hatte ich nach dem WeltCon nach Hause mitgenommen und würde sie an diesem Tag ins Büro transportieren. Damit konnte dann hoffentlich die Buchhaltung arbeiten.

Am frühen Nachmittag saß ich an meinem Schreibtisch, auf dem nach den WeltCon-Tagen die übliche Arbeit wartete: Mails mussten beantwortet werden, Manuskripte waren abzugeben, Texte hatte ich zu schreiben. Die Kollegen außerhalb unserer Abteilung ließen mich glücklicherweise in Ruhe – offenbar hatte kaum jemand etwas von unserem Jubiläum mitbekommen.

Als ich an diesem Abend aus meinem Büro kam, war ich erschöpft und müde. Und ich behielt in meinem Gedächtnis das Bild, wie ich mit einer Arbeitstasche durch Mannheim fuhr, die randvoll mit Bargeld war ...

Klaus N. Frick

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