Der Redakteur erinnert sich: Ein Aufbruch ins All mit neuen Mitteln

10.09.2014 08:00 von vpm

Wie wäre es, wenn ... So beginnen bei vielen Science-Fiction-Romanen die Planung und die Schreibarbeit der Autoren. Und so war es auch bei PERRY RHODAN NEO – wir stellten uns Fragen. Wie wäre es, wenn Perry Rhodan mit seinen Begleitern nicht 1971 zum Mond geflogen wäre, sondern der Start im Jahr 2036 erst noch bevorsteht?

BNEO-Cover Band 71 von Dirk Schulzei unseren Überlegungen zur neuen Serie war uns immer eines klar: Seit fünf Jahrzehnten faszinierte die PERRY RHODAN-Serie ihre Fans. Eine geeinte Menschheit und Frieden auf der Erde waren 1961 die Visionen, mit denen sich die Leser identifizieren konnten. Die Suche nach der Unsterblichkeit, der Kontakt zu Außerirdischen und der Besuch fremder Welten kamen hinzu.

Diese »Essenz« sollte bleiben, an dieser wollten wir nicht »rütteln«. Seit 1961 waren Tausende von Romanen erschienen, und das Perryversum hatte sich in diesen fünf Jahrzehnten zum größten fiktionalen Universum aller Zeiten entwickelt.

Bei vielen Gesprächen mit Journalisten und potenziellen Neulesern hatten wir eines immer wieder festgestellt: Die Serie litt von Jahr zu Jahr unter einem kleinen Problem: Wenn Perry Rhodan im Jahr 1971 zum Mond fliegt, so ist das aus Sicht des Jahres 1961 und zur Zeit, in der Band eins erschien, eine richtig tolle Vision. Aus Sicht des Jahres 2011 wirkte das Ganze ein wenig antiquiert, wie ein Blick in eine Vergangenheit.

Und so hatte schon anfangs der Nuller-Jahre in der PERRY RHODAN-Redaktion die Überlegung gereift: Wie wäre es denn, wenn man die Serie noch einmal starten würde? Ein sogenannter Reboot, wie es die amerikanischen Comic-Serien immer wieder wagten, wäre eine Möglichkeit. Eine parallele Geschichte wäre die andere Möglichkeit – aber es wäre spannend genug, das Thema Mondlandung von Neuem aufzurollen.

Im Frühjahr 2005 entstand ein erstes Konzeptpapier in der PERRY RHODAN-Redaktion. In diesem wurde überlegt, wie es wäre, die Serie in einem neuen Gewand quasi aufzufrischen. Das durfte in keinster Weise »schwach« sein, sondern musste vom ersten Tag an mit einem klaren Auftrag ablaufen. Zitat aus dem damaligen Ideenpapier, das ich verfasst und zu dem Frank Borsch wesentliche Bestandteile beigesteuert hatte:

»Der PERRY RHODAN-Neustart muss auf einem sehr hohen Niveau geschrieben werden: spannend und actionreich, aber mit all den modernen Einblicken, wie sie heutige Leser erwarten. Aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft, der Medien- und Computertechnik müssen selbstverständlich einfließen.«

Zu der Zeit ging man in der Redaktion davon aus, die neue PERRY RHODAN-Serie in Zusammenarbeit mit dem Moewig-Buchverlag verwirklichen zu können. Die kurzen Wege von Büro zu Büro boten sich hierfür an. Um den Kollegen im Buchverlag, die vom Inhalt der Serie wenig bis gar keine Ahnung hatten, das Thema zu erläutern, formulierte es mein Konzept sehr kritisch:

»Die grundlegende PERRY RHODAN-Story ist stark, aber auch antiquiert. In den frühen Bänden gibt es keine tragbaren Computer, Handys und dergleichen. Für einfache Rechenoperationen braucht man gigantische Computer. Die Außerirdischen besitzen eine märchenhafte Technik, mit der sie die Wirkung von Atombomben auf der Erde ausschalten können, sie sind aber nicht selbst in der Lage, sich gegen eine Bombe zu wehren; sie haben nach 20.000 Jahren der Forschung kein Hilfsmittel gegen eine Krankheit wie Leukämie, wohl aber die Menschen.«

Bevor die Konzepte sich weiter entwickeln konnten, änderte der Buchverlag zuerst seine Ausrichtung und schloss dann Ende 2006 seine Pforten. Die Idee selbst starb nicht, sie wurde immer wieder aufgegriffen und neu angedacht.

Mir war immer eines klar: Wollte ich als Redakteur ein solches Projekt richtig vorantreiben, benötigte ich die Mitarbeit guter Autoren. Bewusst entschieden wir uns für Frank Borsch, der zu jener Zeit mit seiner »Alien Earth«-Trilogie – die drei Taschenbücher erschienen im Heyne-Verlag – zeigte, wie gut er es verstand, kühne Science-Fiction-Ideen mit einer realitätsnahen Handlung zu verknüpfen.

»Alien Earth« spielte in den 60er- und 70er-Jahren des 21. Jahrhunderts, also nur wenige Jahrzehnte nach einem angenommenen neuen Start Perry Rhodans zum Mond. In dieser Trilogie präsentierte Borsch eine Erde, in der alle Prophezeiungen zur Klimakatastrophe Wahrheit geworden sind: Inselstaaten sind überflutet, Staaten brechen zusammen, und ein allgegegenwärtiges Klima des Mistrauens herrscht vor.

Wollten wir eine PERRY RHODAN-Serie präsentieren, die in einem fiktiven Jahr 2036 spielt, mussten ähnliche Themen zumindest im Hintergrund eine Rolle spielen. »Genau das haben Scheer und die anderen Autoren 1961 ja ebenfalls getan«, formulierte ich es in einem der ersten Konzepte.

Frank Borsch griff die ursprünglichen Gedanken auf und entwickelte sie weiter. Vor allem nahm er sich den Stoff des allerersten PERRY RHODAN-Romans vor, um zu schauen, was man von diesem noch in eine moderne Zeit retten konnte. Recht schnell war klar: nicht viel. Er erarbeitete eine neuartige Konzeption.

In einem Arbeitspapier für die Geschäftsleitung formulierte ich Franks Konzept folgendermaßen: »Frank Borsch hat die klassische Geschichte genommen und in eine potenzielle Zukunft versetzt, in welcher wieder ein Mondflug ansteht. Der Autor bringt die klassischen Figuren in neue Konstellationen und verleiht ihnen zusätzliche Charaktereigenschaften – wie das von heutigen Romanen verlangt wird, die am Markt erfolgreich sind.«

Nach vielen Diskussionen und vielem Hin und Her war klar: Die neue Serie, die intern nur als »Geheimprojekt X« vorbereitet wurde, sollte mit dem PERRY RHODAN-Jubiläumsjahr verknüpft werden. Wenn die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt ihren fünfzigsten Geburtstag feierte, passte es gut ins Bild, zu diesem Termin ein neuen Blick auf den Klassiker zu werfen.

Der Titel PERRY RHODAN NEO wurde festgelegt, mit »Die Zukunft beginnt von vorn« stand bald ein Untertitel fest, und der PERRY RHODAN-Coverkünstler Dirk Schulz gestaltete die ersten Titelbilder. Zur selben Zeit arbeiteten die Autoren an den ersten Exposés und Romanen – sie waren mit Feuereifer bei der Arbeit.

Es wurde keine einfache Neuauflage, kein »Abklatsch«, sondern vielmehr eine Neu-Interpretation der klassischen Geschichten, die wir mit einer komplett neuen Handlung ergänzten. Altbekannte Charaktere wollten wir in frischerem Licht präsentieren, neue Charaktere ergänzen.

Und als der WeltCon näher kam, als sich der Sommer langsam seinem Ende neigte, rollte der erste Roman über die Druckmaschinen. Wir hatten acht Romane geplant, die einen ersten kleinen Handlungsabschnitt bilden sollten. Unser Plan war: PERRY RHODAN präsentierte genau fünfzig Jahre nach dem ersten Start einen zweiten Start zum Mond.

Im September 2011 waren wir extrem gespannt darauf, wie das alles ankommen würde ...

Klaus N. Frick

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