Der Redakteur erinnert sich: Die geplante PERRY RHODAN-Box

14.07.2017 08:00 von vpm

In den Jahren nach der Jahrhundertwende wurde der Weltbild-Versand zu einem der größten Buchhändler im deutschsprachigen Raum. Von Augsburg aus erreichten die vierfarbigen Kataloge gut die Hälfte aller Haushalte. Man baute die Online-Versandmöglichkeiten auf, gründete eigene Läden und stieg stärker in das Geschäft mit Eigenproduktionen ein.

Nachdem die PERRY RHODAN-Redaktion ab Ende der 90er-Jahre gleich zwei Reihen mit Fantasy-Büchern – zuerst DRAGON, dann MYTHOR – bei Weltbild hatten platzieren können, folgte im Verlauf der Nullerjahre eine PERRY RHODAN-Buchreihe. In dieser wurden 26 Hardcover-Bände veröffentlicht, die jeweils zwei Planetenromane enthielten.

Danach herrschte lange Zeit eher »Funkstille«: Die jeweiligen Ansprechpartner bei Weltbild wechselten, beim Pabel-Moewig Verlag wurde das Buchgeschäft eingestellt. Erst am Ende der Nullerjahre schaffte ich es, wieder vernünftig wirkende Kontakte herzustellen.

»Wenn Weltbild so viele Menschen erreicht, muss PERRY RHODAN im Katalog enthalten sein«, argumentierte ich. Immerhin kamen unsere Partner von Eins A Medien ab und zu mit einer Silber Edition zum Zuge. Damit tauchte unsere Serie in Form von Hörbüchern im Katalog und im Online-Shop auf. Ich wollte aber auch gedruckte Romane anbieten.

Ich vereinbarte mit einer Dame, die bei Weltbild für den Wareneinkauf verantwortlich war, dass wir eine Sonderproduktion anfertigen würden. In einem schriftlichen Konzept formulierte ich meine Ideen für eine »PERRY RHODAN-Box«.

Ich wollte »zehn PERRY RHODAN-Taschenbücher mit einem Umfang von 128 Seiten« herstellen, die »zu einem sehr attraktiven Preis« an die Kunden verkauft werden sollten. »Die Box wird als Kundenproduktion vom Pabel-Moewig Verlag produziert und bei Weltbild angeliefert.« Ein solches Geschäftsmodell war üblich: Das Risiko war überschaubar, da Weltbild eine vorher festgelegte Menge kaufen würde.
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Meine »Zielgruppe« hatte ich klar im Sinn: »Angesprochen werden sollen durch die zehn Taschenbücher vor allem Menschen, die PERRY RHODAN vom Namen her kennen, vielleicht früher auch gelesen haben, zur aktuellen Heftromanserie aber nur wenig Bezug haben.« Ich überlegte mir eine Box, die ich mir als eine Art »Best of« der Serie vorstellte: spannende Romane, die mir selbst sehr gut gefallen hatten und die sicher auch andere Leute interessieren würden.

Selbstverständlich wollte ich bekannte Bestsellerautoren wie Andreas Eschbach und Gisbert Haefs dabei haben. Meine Vision ging allerdings darüber hinaus: Sollten wir es schaffen, eine Zehner-Box erfolgreich zu verkaufen, dachte ich an ein Folgekonzept. »Dann böte sich tatsächlich an, einen PERRY RHODAN-Zyklus in Form von Zehner-Boxen zu vermarkten, die aufeinander folgen.«

Ähnliche Boxen hatte der Pabel-Moewig-Verlag in den 90er-Jahren und danach immer wieder für Weltbild angefertigt. Vor allem waren Liebesromane, die der Verlag zuvor als Heftromane veröffentlicht hatte, neu in Form von Taschenbüchern angeboten worden. Warum sollte das mit PERRY RHODAN nicht auch funktionieren?

»Jeder Roman wird als separates Taschenbuch gestaltet«, schlug ich vor. »Das Cover und der Titel des ursprünglichen Romans werden übernommen, der jeweilige Rückentext wird neu verfasst und soll auch Serienfremden einen Einstieg ermöglichen.«

Für mich klang das schlüssig, aber ich wollte nicht nur einen Roman veröffentlichen. Ich wollte zudem einen Einstiegstext haben, »der auch dem PERRY RHODAN-Neuling – oder demjenigen, der seit vielen Jahren kein PERRY RHODAN mehr gelesen hat – die Hintergründe ganz kurz umreißt«. Dazu sollte eine Glossar-Seite als Nachschlagewerk dienen.

Bei der Bearbeitung blieb ich sehr vorsichtig. Selbstverständlich müsste man die Klassiker auf neue deutsche Rechtschreibung – in der gemäßigten Variante – umstellen. Inhaltlich bearbeiten wollte ich so gut wie nichts, höchstens Rechtschreibung- und Grammatikfehler entfernen.

Für mich klang das Konzept sehr schlüssig. Ich schlug Klassiker wie »Das Grauen« (1963, erschienen als Band 73) von William Voltz ebenso vor wie recht moderne Bände, etwa Robert Feldhoffs »Die Harmonie des Todes« (1987, erschienen als Band 1328). Verzichten wollte ich nicht auf Andreas Eschbach und seinen Band »Der Gesang der Stille« (1998, erschienen als Band 1935) oder Gisbert Haefs mit »Der eiserne Finger Gottes« (2005, erschienen als Band 2289).

Für alle Romane dachte ich mir einen sehr kurzen Text aus; hier ein Beispiel für Frank Böhmerts »Die Ratten von der JERSEY CITY« (2006, erschienen als Band 2341): »Nachdem ihr Raumschiff von der Terminalen Kolonne erobert worden ist, überleben nur zwei Terraner in den technischen Innereien des Raumschiffs. Zu zweit nehmen sie den Kampf gegen die Mörder auf – dabei sind sie sich selbst die größten Feinde ...«

Wir wollten ein Gesamtpaket liefern: Weltbild sollte fertig gedruckte Taschenbücher erhalten, in ersten Gesprächen legten wir eine Auflagenhöhe sowie die Preise fest. In einer ersten Kalkulation sah auch alles gut aus.

Am 18. Februar 2010 war das Konzept fertig; dann wurde es an Weltbild geschickt. Und während wir miteinander verhandelten, kam es innerhalb des Weltbild-Konzerns zu immer stärkeren Problemen; diese hatten schon 2009 angefangen, wirkten im gesamten Jahr 2010 fort und hielten auch in den Folgejahren an. Einige Kollegen, mit denen wir bisher zu tun gehabt hatten, verließen den Konzern, es änderte sich in kürzester Zeit unglaublich viel.

Und so wurde aus dem eigentlich schönen Konzept einer »Zehner-Box« leider nichts.

Klaus N. Frick

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