Der Redakteur erinnert sich: Das geplante Sondershausen-Treffen

26.02.2015 08:10 von vpm

Ab Mitte der 80er-Jahre wurden meine Kontakte zu Science-Fiction-Fans und Musikhörern in der DDR immer intensiver. Ich pflegte zahlreiche Brieffreundschaften, ich schickte Pakete in den »Osten«, und ich bekam mit, wie die Fan-Szene dort wuchs. In der DDR schien es zu brodeln, man spürte es immer wieder: Die Punkrock-Band »L'Attentat« forderte in ihren Stücken »Russen raus«, es entwickelten sich unabhängige Medien, wenngleich auf bescheidenem Niveau. Als Bundesbürger bekam ich allerdings nur die »Echos« einer spannenden Entwicklung mit.

Im Dezember 1987 erhielt ich ein ungewöhnliches Schreiben. Zu dieser Zeit war ich gerade in Westafrika unterwegs; ich las es also erst nach meiner Rückkehr im Februar 1988. Aber es elektrisierte mich geradezu.

Es war mit einer Schreibmaschine verfasst, den Brief hatte man offensichtlich mithilfe von  Durchschlagpapier vervielfältigt. Da in der DDR kein freier Zugang zu Vervielfältigungsgeräten herrschte, wurden auf diese Weise auch Fanzines publiziert – die Vorgehensweise war mir also nicht unbekannt.

Der Brief kam von einem Science-Fiction-Fan aus Sondershausen – einer Stadt im Harz –, mit dem ich nicht selbst in Kontakt stand, der aber zahlreiche andere Science-Fiction-Fans aus der DDR kannte. Seinen Namen hatte ich schon gelegentlich gehört. Adressiert war das Schreiben an mich als »Werter Science Fiction Sammler«.

Wie der Absender mir mitteilte, hatte dieser Fan tatsächlich vor, in Sondershausen ein »privat organisiertes und finanziertes Treffen von SF Interessierten« zu veranstalten. Ich war fassungslos: Soweit ich wusste, mussten solche Treffen offiziell genehmigt worden, und als Westbürger konnte ich nur mit offizieller Genehmigung ein solches Treffen besuchen. Aber die Idee faszinierte mich. Bisher hatte ich sowieso nur Science-Fiction-Treffen in der Bundesrepublik besucht und wollte endlich einmal ausländische Fans in größerem Umfang treffen – in der DDR hätte ich auf jeden Fall weniger sprachliche Probleme als in den USA oder auch in Frankreich.

Geplant war für Sondershausen ein ernsthaftes Programm: »Vorträge, Autorenlesungen, Filmveranstaltung, Podiumsdiskussion, eine Versteigerung von SF Büchern, TB's, Bildern und Modellen sowie die Auswertung des Nachwuchsautoren Wettbewerbes mit Preisverleihung« versprach das Schreiben. Details hierfür konnten noch nicht genannt werden, was mich nicht störte: Die Veranstaltung sollte vom 9. bis 11. September 1988 sein, lag also neun Monate in der Zukunft.

Die Veranstalter hatten ein Hotel angemietet, der Preis für das gesamte Wochenende inklusive der Übernachtung sollte 150 Mark betragen. Gemeint war die Mark der DDR, sonst hätte man D-Mark geschrieben. Das Geld müsse allerdings zeitig beim Veranstalter eintreffen, da er die Planung sowie die Hotelbuchung davon abhängig mache.

Darüber hinaus informierte das Rundschreiben darüber, wie die Versteigerung und der Nachwuchsautoren-Wettbewerb ablaufen sollten. Das alles klang nachvollziehbar und machte auf mich den Eindruck, als hätten sich die Fans in Sondershausen alles sehr gut überlegt. Und da ich für den September 1988 sowieso noch nichts vorbereitet hatte, nahm ich mir vor, in die Stadt im Harz zu fahren. Ein Con in der DDR – das klang doch sehr spannend.

Da ich schon einige Male die DDR besucht hatte, wusste ich, was ich im Einzelnen zu tun hatte. Ich schrieb dem Fan zurück, meldete mich an und bat um weitere Informationen. Konnte ich das Geld irgendwie überweisen, oder sollte ich ihm die D-Mark per Post schicken? Ich könnte aber auch direkt vor Ort bezahlen, wenn er wollte; das hinge von ihm ab. Am gleichen Tag formulierte ich einen Antrag für ein Visum, den ich an die Botschaft der DDR in Bonn schickte.

Und dann wartete ich. Es dauerte und dauerte. Das Frühjahr 1988 begann, und ich erhielt keine Antwort – weder von dem Fan aus Sondershausen noch von offiziellen staatlichen Stellen. Ich fragte noch einmal schriftlich nach, wieder bekam ich keine Antwort. Das fand ich merkwürdig, aber es kümmerte mich nicht weiter. Im Sommer 1988 änderte sich in meinem privaten Umfeld sehr viel, ich wechselte die Arbeitsstelle und den Wohnort – und so verdrängte ich den Gedanken an das geplante Science-Fiction-Treffen in der DDR aus meinen Gedanken.

Es dauerte noch mal ein Jahr, bis ich mehr erfuhr. Im Jahr 1989 fiel die Mauer, und im März 1990 traf ich ausgerechnet im beschaulichen Freudenstadt im Schwarzwald auf viele Science-Fiction-Fans aus der DDR. Dort erfuhr ich, was im Verlauf des Jahres 1988 geschehen war: Polizei und Staatssicherheit waren dahinter gekommen, dass ein illegales Treffen geplant gewesen war. Man hatte es untersagt, es war Druck auf die potenziellen Veranstalter ausgeübt worden – und so konnte nichts von dem getan werden, was man vorgehabt hatte.

So wurde das geplante Science-Fiction-Treffen, an dem ich teilnehmen wollte, zu einem Beispiel dafür, wie unnachgiebig und manchmal wenig nachvollziehbar die staatlichen Behörden in der DDR arbeiteten ...

Klaus N. Frick

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