Der Redakteur erinnert sich: Auch eine Begegnung der dritten Art

24.07.2017 08:00 von vpm

Zu Beginn des Jahres 1979 wusste ich endgültig, dass ich kein »normaler« Jugendlicher war. Ich war gerade mal 15 Jahre alt und hatte das Gefühl, in dem kleinen Dorf im Schwarzwald der einzige Jugendliche zu sein, der völlig aus der Rolle fiel. Zwar machte ich die üblichen Späße mit den Schulkameraden, aber ich entwickelte eine immer stärkere Faszination für die PERRY RHODAN-Serie und andere Science Fiction. Es konnte passieren, dass ich zu der Wiese ging, wo wir immer Fußball spielten, und irgendwann mit einem Heftroman dasaß und lieber ein spannendes Kapitel zu Ende brachte.

Mir war bewusst, dass die Serie eine Fiktion war, und ich stand nicht in der Gefahr, mich in fremden Welten zu verlieren. Die Abenteuer von Perry Rhodan und seinen Gefährten fand ich aber spannender als den drögen Alltag in der Schule, der mich oftmals grenzenlos anödete. Nachmittags machte ich keine Hausaufgaben, sondern zeichnete Raumschiffe. Mathematikhefte verschönerte ich durch Skizzen von Kugel- und Diskusraumern. Ich träumte nachts von Raumschiffen und Außerirdischen.

Meine Eltern verstanden das noch nicht: Sie nahmen mich zu Verwandtschaftsfeiern mit, obwohl sie wussten, dass ich mich ohne Ende langweilte. Sie wunderten sich über die seltsame Musik, die ich hörte, und gaben es irgendwann auf, mir die Heftromane zu verbieten. Meine Lehrer verstanden das noch weniger; ihnen leuchtete nicht ein, warum ich lieber »Schundromane« las, anstatt mich auf den Unterricht zu konzentrieren.

PERRY RHODAN hatte mich gepackt. Mich faszinierten die Anfänge der Serie, die ich in der vierten Auflage las, ebenso wie die aktuellen Romane, deren kosmische Geschichten ich am stärksten fand. Welches Geheimnis steckte hinter den Loowern, welche Ziele verfolgten die sogenannten Trümmerleute? Wie hingen die Kosmischen Burgen mit der Geschichte der Erde zusammen, und warum stand das Solsystem immer im Zentrum der Geschichte?

Meine Lieblingsfigur war mittlerweile Alaska Saedelaere geworden. Während ich Gucky und seine Späße langsam nervig fand, konnte ich den Transmittergeschädigten immer besser verstehen: Ein Mann, der sich hinter einer Maske verstecken musste, war für einen Jugendlichen eine klarere Identifikationsfigur als ein fröhlicher Außerirdischer.

Mit wachsendem Interesse las ich die »Randtexte« in den Romanen. Auf der Leserkontaktseite wurde gelegentlich auf die Arbeit der Autoren hingewiesen, im PERRY RHODAN-Report erschienen Artikel mit Literatur-Tipps. Ich kaufte mir Science-Fiction-Romane, nachdem diese im Report erwähnt worden waren, und fand, dass die Arbeit eines Science-Fiction-Schriftstellers ungemein spannend sein musste. Er konnte fremde Welten erfinden und seine Leser dorthin entführen.

tl_files/comic/images/news/logbuecher/1979_Frick_Story.jpgIch beschloss, Science Fiction zu veröffentlichen. Vielleicht würde ich in einigen Jahren so bekannt sein, dass ich zum PERRY RHODAN-Team stoßen konnte? Immerhin schrieb ich seit Jahren allerlei Geschichten, und meine Schulaufsätze nach der Art von »mein schönstes Ferienerlebnis« waren schon immer frei erfunden gewesen. Es konnte also nicht so schwer sein, eine erste SF-Geschichte zu entwickeln.

Ein Aufenthalt bei einer Tante brachte im Februar 1979 den entscheidenden Anstoß. Wie immer langweilte ich mich. Während die Erwachsenen Kaffee tranken, Kuchen aßen und sich unterhielten, saß ich herum und wusste nicht, was ich tun sollte. Spazierengehen verbot sich angesichts des Wetters, PERRY RHODAN-Romanhefte hatte ich – wie sonst immer – ausnahmsweise nicht dabei. Ich bat um einen Block und einen Kugelschreiber und verzog mich damit in die Küche. Dort setzte ich mich an den Tisch, dachte gründlich nach und formulierte die ersten Sätze.

Im Wohnzimmer plärrte der Schwarzweiß-Fernseher, die Stimmen der Erwachsenen und das Klirren des Geschirrs waren weit in den Hintergrund gedrängt.

Ich wollte eine Geschichte schreiben, die originell sein sollte. Was also war das Gegenteil bisheriger Geschichten? Ich wollte keinen amerikanischen Raumfahrer als Hauptfigur haben – also nahm ich einen chinesisch klingenden Namen. Ich wollte nicht aus der Sicht der Menschen erzählen – also begann ich mit Außerirdischen. Ich fand, dass Aliens auch von Pflanzen abstammen konnten – also dachte ich mir Pflanzenwesen aus.

Mein Ideengebilde orientierte sich sehr an dem, was ich üblicherweise las. Der Raumfahrer träumte von »Mädchen«, es gab Impulskanonen und telepathische Kontakte – meine bevorzugte Lektüre in jenen Tagen waren nun einmal PERRY RHODAN-Romane, und die damalige Schreibweise färbte komplett auf mich ab. Das zeigte sich bei anderen Texten aus jener Zeit, die teilweise verschollen sind, in weitaus stärkerer Weise.

So entstand »Auch eine Begegnung der dritten Art«, meine erste Science-Fiction-Kurzgeschichte. Sie war nur zwei Seiten lang und erzählerisch sehr schlicht: mit wechselnden Handlungsperspektiven und ohne den Versuch einer ernsthaften Charakterbeschreibung. Die Geschichte des Raumfahrers von der Erde, der zum Alpha-Centauri-System vorstößt, dort auf Pflanzenwesen stößt und von diesen getötet wird, weil diese ihn für ein Monster halten, fand ich ausreichend lang und klar.

Es folgten im Verlauf des Jahres weitere Geschichten und Gedichte; ich experimentierte mit den Genres, versuchte mich an Zeitreisen und sogar an der Fantasy. Viele Texte sind verschollen, einige wurden veröffentlicht, aber »Auch eine Begegnung der dritten Art« war der Anfang für so vieles, was danach kommen sollte.

Später schickte ich die Geschichte übrigens auch an verschiedene Fanzines, sogar an die Leserseite der ATLAN-Serie. Glaube ich meinen handschriftlichen Notizen, wurde sie in der zweiten Ausgabe des Fanzines »Denebola« (erschien im Juni 1980 in Vaihingen/Enz) veröffentlicht, ebenso im Band 100 der zweiten ATLAN-Auflage.

Klaus N. Frick

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