Der Redakteur erinnert sich: Aktionen für die Aphilie

14.01.2014 08:14 von vpm

Ab Anfang der Nuller-Jahre bröckelte die Auflage der PERRY RHODAN-Silberbände stärker als zuvor. Kaufhäuser zogen sich komplett aus dem allgemeinen Buchgeschäft zurück, und viele Buchhändler hatten kein Interesse mehr daran, die komplette Buchreihe verfügbar zu halten. Manche Händler nahmen in der Folge auch die aktuellen PERRY RHODAN-Bücher aus ihren Regalen.

Die PERRY RHODAN-Redaktion führte zahlreiche Gespräche mit den Kollegen des Moewig-Buchverlages: informell in der Kantine, offiziell bei Meetings und Konferenzen. Das Ergebnis blieb überschaubar, nichts passierte, die Verkaufszahlen gingen weiter zurück. »Der Buchverlag ist einfach daran gewöhnt«, erinnerte die Kollegin in der Redaktion, die zuvor im Buchvertrieb gearbeitet hatte. »Viermal im Jahr fällt ein PERRY RHODAN-Buch vom Himmel und poliert die Bilanz auf, ohne dass man etwas dafür tun muss.«

Mit dem Buch 81, das unter dem Titel »Aphilie« erscheinen sollte, wollte die Redaktion noch einmal den Kurs wenden. »Wir müssen es schaffen, den Händlern klarzumachen, dass unsere Bücher in ihrem Geschäft stehen müssen«, argumentierte ich. Wir schauten uns an, welche Aktionen rings um die Silberbände früher gut gelaufen waren, und entwarfen ein Marketing- und Vertriebskonzept, das wir dem Buchverlag präsentierten.

Nichts passierte. Das bringe doch nichts, das sei doch viel zu viel Arbeit – die Aktion brach in sich zusammen, bevor sie gestartet werden konnte. Also entschlossen wir, einfach selbst loszulegen. Im März 2003 verschickten wir ein Rundschreiben inklusive einer Faxvorlage und eines kleinen Prospektes an Tausende von Buchhändlern – auf Kosten der Redaktion und unter tatkräftiger Mithilfe eines jeden PERRY RHODAN-Kollegen.

»Die neuen Abenteuer bei PERRY RHODAN«, versprach ich in meinem Schreiben an die Händler, »und eine neue Werbemöglichkeit für Ihre Buchhandlung«. Ich versuchte noch einmal an die treuen Händler zu appellieren: »Seit über zwanzig Jahren gehören die ›Silberbände‹ zum festen Sortiment vieler Händler, binden aufgrund ihrer regelmäßigen Erscheinungsweise – vier neue Titel pro Jahr – viele Kunden langfristig an eine Buchhandlung. 80 gebundene Ausgaben dieser Science Fiction-Buchreihe sind seitdem erschienen, ein Erfolg, der seinesgleichen sucht.«

Besonders interessant für einen Händler sollte meiner Argumentation nach das kommende PERRY RHODAN-Buch 81 sein: »Unter dem Titel ›Aphilie‹ wird ein neuer Handlungsabschnitt begonnen, der nicht nur für Stammleser spannend ist«, schrieb ich, »sondern für alle Kunden, die gerne Science Fiction-Bücher lesen. Ich lieferte inhaltliche Argumente, die im Buchverlag niemand interessant gefunden hatte: »Eine Menschheit ohne Liebe ... das Raumschiff SOL auf unendlicher Odyssee ... packende Themen, die gerade im Jahr 2003 neue Leser begeistern können«.

Darüber hinaus unterbreiteten wir den Händlern die Idee, sie auf der neu gestalteten PERRY RHODAN-Webseite zu präsentieren. Damals war das Internet für die meisten Händler immer noch Neuland, aber wir schlugen Ihnen vor, bei uns zu »Stützpunkthändlern« zu werden – einen Begriff aus den 80er-Jahren. »Aktive Buchhändler, die alle unsere ›Silberbände‹ führen, möglichst auch noch ATLAN, die PERRY RHODAN-Autorenbibliothek und die ›Kosmos-Chroniken‹, können als Depotbuchhändler gelistet werden.«

Das Konzept wirkte schlüssig, und meine Argumentation fand ich nachvollziehbar: »Unsere Leser finden dann Ihre Buchhandlung per Mausklick, wissen so sofort, wo sie ihre bevorzugte Lektüre erhalten. Falls Sie eine eigene Homepage haben, können wir diese entsprechend verlinken.« Wir legten dem Brief eine Faxvorlage bei, und die Buchhändler sollten per Fax reagieren. Ansprechpartnerin war in diesem Fall die damalige Marketingassistentin Miriam Hofheinz.

Damit wir das Paket vollständig hatten, bereiteten wir »zur Abrundung« eine Aussendung an die Presse vor. Sie stand unter der Überschrift »Die Menschheit ohne Liebe – PERRY RHODAN bricht zu neuen Ufern auf«. Der Pressetext setzte auf die sozialen Aspekte des Zyklus, weil wir hofften, dass das für Journalisten interessanter klingen könnte als kosmische Dimensionen:

»Es ist eine perfekte Welt, ein Utopia. Hunger und Krankheit sind besiegt. Roboter und Computer erledigen auf Knopfdruck jede beliebige Arbeit. Raumschiffe stoßen in Gedankenschnelle zu fernen Welten vor.

Und es ist eine furchtbare Welt. Embryos werden in ›Wärmekapseln‹ ausgetragen. Kinder wachsen in staatlichen Anstalten auf, ohne jemals ihre Eltern kennengelernt zu haben. Alte und Schwache verschwinden hinter den hohen Mauern der ›Stummhäuser« und werden nie wieder gesehen. Der Einzelne kennt nur sich selbst, stellt die Erfüllung seiner Triebe über alles.

Die Menschheit leidet an Aphilie – Gefühlsarmut.«

Wir zitierten Hubert Haensel, wir brachten das Thema Menschheit und Menschlichkeit stärker in den Fokus unserer Eigenberichterstattung. Das klappte durchaus, die Medien berichteten positiv. Auch die Buchhändler zogen durchaus mit, wir hatten innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Stützpunkthändler.

Was wir nicht bedacht hatten: Diese Händler mussten betreut werden, sie riefen jetzt nicht mehr beim Vertrieb an, sondern direkt bei uns. Es kam so weit, dass Buchbestellungen direkt bei uns landeten, was nicht nur Zeit kostete, sondern irgendwann sogar nervte. Wir lernten also auch daraus ...

Klaus N. Frick

Zurück