Die Woche der Splitter-Tipps (Teil 5)

21.08.2015 08:15 von vpm

Richard Guérineau: Charly 9

Ein König wird zum Massenmörder

Ein historischer Comic in ungewöhnlichem Stil: Bei Splitter erschien der Comic »Charly 9«, der ein vergleichsweise bekanntes Thema aufgreift – die Bartholomäusnacht – und dieses so schräg präsentiert, dass man als Leser einen ganz anderen Blick auf die Geschehnisse des 16. Jahrhunderts bekommt. Verantwortlich für diesen Comic, den ich als Meisterwerk betrachte, ist Richard Guérineau, von dem hierzulande bereits einige andere Comics vorliegen.

Richard Guérineau: Charly 9Im deutschsprachigen Raum hat die Bartholomäusnacht nicht den historischen Stellenwert wie in Frankreich; die meisten dürften die Hintergründe gar nicht kennen. In einem unbarmherzigen Gemetzel, das in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 in Paris tobte, wurden Tausende von Hugenotten ermordet. Als Verantwortlicher dafür gilt der französische König Charles – oder Karl – IX, der im vorliegenden Comic als »Charly 9« bezeichnet wird.

Was wirklich in jener Nacht geschah, thematisiert Guérineaus Werk. In seinem Comic ist der König ein unsicherer junger Mann. Weil er seiner Mutter nicht widersprechen kann, lässt er sich von ihr zu dem Massenmord überreden. Zuerst geht es darum, einzelne Hugenotten töten zu lassen, weil sie angeblich Verräter sind – irgendwann entscheidet sich der König aber, alle massakrieren zu lassen.

Das Blutbad klebt danach buchstäblich an seinen Fingern. Er wird krank, der labile Mann steigert sich in seine Schuldgefühle hinein. Seine Ehefrau vernachlässigt er, mit einer Prostituierten pflegt er ausgiebigen Verkehr – und er wird immer kränker. Bereits mit 23 Jahren stirbt er; das Volk hasst ihn und glaubt, dass es an der Blutschuld liegt.

Wer nach Genre-Eingrenzungen sucht, kann diesen Comic gern als Graphic Novel bezeichnen. Es ist ein durchgehender Handlungsverlauf, eher ein moderner Roman in Bildern als ein klassisch-historisches Werk. Guérineau nimmt Tatsachen aus der Geschichte, zerrt sie in das Licht seines eigenen Romans und macht einen knallige Romanversion daraus. Dabei wird er oft zotig: Seine Geschichte nimmt an Absurdität zu, Sex und Gewalt werden fast schon übertrieben geschildert.

Der Zeichenstil passt sich an. Dankenswerterweise wird das Abschlachten unschuldiger Menschen nicht geschildert, stattdessen zeigt der Zeichner das Meer der Leichen am Tag danach. Immer wieder greift er zu künstlerischen Mitteln, bringt mitten in einer ernsthaften Geschichte plötzlich Seiten, die aussehen, als seien sie einem klassischen Funny-Comic entnommen. Wenn ein nackter Mann durch den Palast rennt oder lauten Sex mit einer Prostituierten pflegt, wird das sowohl im Text als auch im Bild mit grober Komik gezeigt.

»Charly 9« ist ein ungewöhnlicher Comic-Roman, einer von der Sorte, die man nach der ersten Lektüre ein zweites Mal zur Hand nimmt, weil es beim erneuten Durchblättern andere Details zu entdecken gilt. Für Kinder oder Jugendliche ist er nicht geeignet, dieses Werk kann getrost als »Erwachsenen-Comic« im positiven Sinn bezeichnet werden.
Große Klasse – absolut empfehlenswert!

Das Buch umfasst 128 Seiten im »kleineren« Comic-Buchformat; es kostet 19,80 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-95839-044-7 überall im Buch- und Comic-Fachhandel bestellt werden. Man bekommt es natürlich auch bei Versendern wie Amazon. Auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages gibt's eine schöne Leseprobe.

Klaus N. Frick

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