Die Woche der Splitter-Tipps (Teil 1)

09.05.2016 08:30 von vpm

Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl

Melancholische Reise zum Schrecken

Bereits 2013 erschien im Splitter-Verlag ein Comic-Band, den ich erst dieser Tage las und der mich – obwohl die Geschichte eigentlich sehr unspannend ist – sehr berührte. Es ist »Ein Frühling in Tschernobyl« des französischen Künstlers Emmanuel Lepage. Wer mag, kann diesen wunderbar-melancholischen Band als Graphic Novel bezeichnen; ein »Comic-Roman« ist es allerdings nicht, eher ein autobiografischer Bericht in Form einer bebilderten Geschichte.

Emmanuel Lepage: Ein Frühling in TschernobylEs ist im Prinzip eine Ich-Erzählung: Der Comic-Zeichner Emmanuel Lepage fährt im April 2008 nach Tschernobyl, dem Ort jener Atomkatastrophe, die im April 1986 halb Europa verstrahlte. Lepage hat den Auftrag, für den Verein Dessin’acteurs zu arbeiten: Er soll Zeichnungen anfertigen, die den Alltag der Überlebenden und ihrer Kinder dokumentieren.

In künstlerischen Bildern erzählt er von den Gesprächen vor der Abreise, dann folgen die ersten Eindrücke von der Ukraine und die Kontakte mit den Einheimischen. Der Zeichner ist mit anderen Franzosen unterwegs; sie besichtigen die zerborstenen Ruinen des Atomkraftwerks, sie spazieren durch leerstehende Häuser und stolpern durch einen menschenleeren Wald. Oft müssen sie Schutzanzüge tragen, müssen Plastiktüten über ihre Schuhe ziehen und bei Spaziergängen einen Mundschutz tragen.

Sie wirken wie Astronauten, gleichzeitig wie verängstigte Menschen. Das alles zeigt Lepage in Bildern, die faszinieren und in das Geschehen hineinziehen. Seine Texte sind lakonisch, sie verzichten auf Effekthascherei und erzählen geradezu nüchtern von den Besuchen im Wald, von den Kontakten mit den Einheimischen, von der trügerischen Stille in den alten Ruinen.

Beeindruckend sind die Bilder auf jeder Seite. Mal sind die Zeichnungen eher grau, dann leuchten sie in allen möglichen Farben, als wollte Lepage zeigen, wie sehr die atomare Strahlung beispielsweise das Blattwerk von Bäumen verändert hat. Die verlassenen Städte sehen aus, wie man sich eben ein Land vorstellt, aus dem Menschen über Nacht evakuiert worden sind. Gleichzeitig wirken die Wälder, als gäbe es keine Menschen, als hätten die Pflanzen und die Tiere die Kontrolle über die gesamte Welt wieder erlangt.

»Ein Frühling in Tschernobyl« ist ein starker Comic, ein Beispiel dafür, wie gelungen die »neunte Kunst« auch journalistische und erzählerische Elemente verbinden kann. Eine echte Handlung hat der Comic nicht, einen Spannungsbogen weist er ebensowenig auf. Die Bedrohung durch die unsichtbare atomare Strahlung wird aber so präsentiert, dass man sehr wohl mit Spannung der Geschichte folgt.

Der 168 Seiten starke Comic ist sowieso ein echter Prachtband: Man nimmt ihn gern in die Hand, man blättert ihn mehrfach durch, man stellt ihn sich bewusst auffallend ins Regal. Der Preis von 29,80 Euro ist angemessen, wenngleich er im ersten Moment hoch wirkt. Ich kann das Buch auf jeden Fall denjenigen empfehlen, die gerne etwas Besonderes lesen wollen – oder wer auch etwas Schönes verschenken will.

Zu beziehen ist »Ein Frühling in Tschernobyl« überall im Comic-Fach- und im Buchhandel, ebenso bei Versendern wie Amazon. Die ISBN 978-3-86869-619-6 ist bei einer Bestellung durchaus hilfreich. Und wer sich ein wenig mit dem Buch vertrauen möchte, schaue sich die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages an.


Klaus N. Frick

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