Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 5)

17.08.2012 08:00 von vpm

»Das Geheimnis des weißen Bandes« von Anthony Horowitz

Sherlock Holmes kehrt zurück

Ich würde mich nicht gerade als Fan von Sherlock Holmes bezeichnen, aber ich las als Jugendlicher die klassischen Detektiv-Geschichten von Arthur Conan Doyle sehr gern. Zudem mag ich die neue britische Serie »Sherlock«, die Elemente von früher aufgreift und sie ins »Hier und Heute« verlagert, und ich guckte mit großem Vergnügen die Kinofilme mit Robert Downey jr. an. Und als ich im vergangenen Jahr in London war, besuchte ich das – wenig spektakuläre, aber sehr nette – Sherlock Holmes Museum in der Baker Street.

Kein Wunder, dass ich mir den offiziellen neuen Hardcover: »Das Geheimnis des weissen Bandes« von Anthony HorowitzSherlock-Holmes-Roman kaufte. Romane um und über den berühmten englischen Detektiv erscheinen seit Jahren, aber der nun vorliegende ist der erste, der offiziell von der Sherlock Holmes Society in Auftrag gegeben wurde. Verfasst wurde der neue Roman von Anthony Horowitz, einem britischen Bestsellerautor, der sich vor allem im Bereich des Jugendbuches sehr bewährt hat, aber darüber hinaus Drehbücher für die Fernsehserie »Inspektor Barnaby« schreibt. Mit »Das Geheimnis des weißen Bandes« wagt er sich in das Metier des gedruckten Krimis vor, und das gelingt ihm sehr gut.

Erzählt wird der Roman aus der Sicht von Doktor Watson – das ist nichts ungewöhnliches. Doch in der Einleitung macht der Erzähler klar, dass er von schrecklichen Dingen zu berichten weiß, die den Blick auf Sherlock Holmes verändern werden. Dann steigt er in eine Handlung ein, die vergleichsweise harmlos mit einem Kriminalfall beginnt und sich zu einem immer komplexeren Dickicht entwickelt.

Zuerst geht es um Gangster aus der amerikanischen Stadt Boston, von denen ein Mitglied in London gesichtet wird, dann wird geforscht und geschnüffelt, und recht schnell stecken die Helden in einer Ermittlung, in der es um entführte Kinder, ein schreckliches Waisenhaus und grausige Verbrechen der britischen Oberschicht geht. Holmes wird als Mörder verdächtigt, legt sich mit der Polizei an und muss aus einer verschlossenen Gefängniszelle entfliehen.

Selbstverständlich ist Sherlock Holmes auch in dieser literarischen Neuauflage des Krimi-Klassikers das Genie, als dass man ihn kennt. Der Mann hat eine sensationelle Auffassungsgabe, erkennt sehr schnell selbst die geringsten Hinweise und folgt Spuren, die niemandem außer ihm aufgefallen wäre. Kein Wunder, dass ihn die Polizei kritisch beäugt und eher als nervtötenden Konkurrenten empfindet.

Horowitz schafft es, das London des Jahres 1890 Hörbuch: »Das Geheimnis des weissen Bandes« von Anthony Horowitzglaubhaft zum Leben zu erwecken: das elende Leben der Straßenkinder, die ständig Gefahren ausgesetzt sind, die versnobte Oberschicht mit ihren Sitten und Gebräuchen, die Kneipen und Bürgerhäuser, die schmutzigen Gassen und den durch die Straßen wabernden Nebel. Bei der Lektüre glaubt man förmlich, den Dreck zu riechen und den Fluss zu hören – das ist eindrucksvoll geschrieben und zieht einen Leser schnell in seinen Bann.

Dasselbe gilt für die Holmes-Eigenheiten: Das Geigenspiel, die Kokainsucht und die immer leicht arrogant wirkende Sprechweise sind hervorragend getroffen. Wer das Original kennt, wird vieles wieder erkennen, und wer es nicht kennt, erlebt einen außergewöhnlich klugen Detektiv, dem nichts entgeht.

Der Autor hat einen packenden Roman geschrieben, der sich an das Original anlehnt, aber keine Sekunde lang verstaubt wirkt. Sein Holmes-Roman spielt zwar im Jahr 1890, ist aber, was Stil und Inhalt angeht, in der heutigen Zeit verankert. Er ist »dreckiger« und gemeiner, seine Szenerie ist düsterer und gewalttätiger, und wenn es Action gibt, lässt es der Autor ganz schön krachen.

Der Roman ist absolut empfehlenswert – und eBook: »Das Geheimnis des weissen Bandes« von Anthony Horowitzdas gilt nicht nur für Sherlock-Holmes-Freunde. Erschienen ist er als Hardcover bei Insel, einem Imprint des Suhrkamp-Verlages. Er ist 360 Seiten stark und kostet 19,90 Euro; die ISBN lautet 978-3-458-17543-8. Er kann überall im Buchhandel bestellt werden, selbstverständlich ebenso bei Amazon.de. Wer sich vorab einlesen mag, dem steht auf der Verlags-Seite eine kostenlose Leseprobe zum Antesten zur Verfügung.

Es gibt darüber hinaus ein Hörbuch, das ich nicht kenne und über dessen Qualität ich nichts sagen kann. Es ist als Box mit vier CDs erschienen, wurde von Johannes Steck eingelesen und kostet 19,99 Euro. Die ISBN 978-3-8337-2868-6 ist hier ebenfalls bei einer Bestellung behilflich. Die E-Book-Version, die es beispielsweise für den Kindle gibt, kostet übrigens 16,99 Euro.

 

 

 

Klaus N. Frick

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