Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 5)

09.05.2014 08:10 von vpm

Andrea Camilleri, Giancarlo De Cataldo, Carlo Lucarelli: Richter

Drei italienische Juristen

Schaut man – wie ich – mit viel Sympathie auf Italien, seine Kultur und seine Menschen, kann man manchmal an den politisch-gesellschaftlichen Zuständen des Landes verzweifeln. Seit Jahrzehnten scheint sich das Land im Würgegriff von Kräften zu befinden, die seine Bevölkerung nur aussaugen wollen: Politiker und Mafiosi gleichermaßen, eine unheilige Allianz aus mächtigen Männern, die nur an der eigenen Bereicherung interessiert sind.

EiAndrea Camilleri, Giancarlo De Cataldo, Carlo Lucarelli: Richternen beeindruckenden und zugleich sehr unterhaltsamen Einblick in die italienische Gesellschaft liefert das Buch »Richter«. Es enthält drei Erzählungen großer italienischer Autoren, die sich alle mit dem titelgebenden Thema beschäftigen. Wer mag, kann die Texte als kurze Krimis betrachten, aber es sind ebenso literarische Blicke auf ein Land, in dem die Krise seit Jahrzehnten allgegenwärtig zu sein scheint.

Andrea Camilleri ist Jahrgang 1925 und zählt sicher zu den populärsten Autoren seines Heimatlandes. Seine Romane um den lebensfreudigen Commissario Montalbano, der auf Sizilien ermittelt, erfreuen sich auch im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit – in Camilleris Geschichte »Surra« geht es erneut nach Sizilien, allerdings ins 19. Jahrhundert.

Surra ist ein Richter aus dem Piemont, der nach Sizilien versetzt wird; dort soll er das praktisch nicht existierende Rechtswesen überhaupt erst aufbauen. Weil er nicht viel über das Land und seine Bewohner weiß, ignoriert er alle Sitten, legt sich mit den Gruppierungen an, aus denen später die Mafia entstehen wird, ignoriert aus Nichtwissen allerlei Angriffe und kann so seinen Auftrag erfolgreich erfüllen. Camilleris Geschichte ist mit leichter Hand erzählt, amüsiert über weite Strecken und gibt ganz nebenbei ein wenig Unterricht in sizilianischer Geschichte.

Knalliger ist die Geschichte »Bambina« des 1960 in Parma geborenen Schriftstellers Carlo Lucarelli. Er siedelt seine Geschichte im August 1980 an, zu einer Zeit, in der Italien von einer Terrorwelle ohnegleichen heimgesucht wurde. Eine junge Ermittlungsrichterin, die von allen wegen ihrer jugendlichen Erscheinung nur als »Bambina« bezeichnet wird, ermittelt in Bologna zuerst wegen eines vergleichsweise harmlosen Verbrechens, kommt aber ganz schnell einer Verschwörung auf die Spur.

Was sie anfangs nicht glauben mag und was bis heute – in der realen Welt – von vielen geleugnet wird, ist eine unglaubliche Zusammenarbeit von rechtsradikalen Terroristen, Geheimdienstlern und Polizisten. Was kann hier eine junge Richterin erreichen, auf die sofort Attentate verübt werden?

Nach Mailand und in die aktuelle Zeit führt Giancarlo De Cataldo mit seiner Geschichte »Der dreifache Traum des Staatsanwalts«. Der Autor, der selbst als Richter arbeitete, zeigt die Vorgeschichte einer Rivalität zwischen einem rechtschaffenen Mann und seinem Gegenspieler, einem Betrüger und Politiker. Die Geschichte ist sarkastisch erzählt, wartet tatsächlich mit dreierlei Träumen auf und ist damit die wohl »literarischste« Geschichte des sehr unterhaltsamen und rundum gelungenen Buches.

Ich habe die drei Texte mit großem Vergnügen gelesen: Sie verbinden Kriminalfälle mit Einblicken in die Realität, und diese wird von den Autoren sehr gut geschildert. Ein Klasse-Buch, nicht nur für Italien-Freunde!

»Richter« umfasst 176 Seiten, ist bereits 2013 als Hardcover mit Schutzumschlag erschienen und kostet 16,95 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-608-93989-7 kann man es in jeder Buchhandlung bestellen, ebenso über Versender wie amazon.de; auf der Verlags-Homepage gibt es eine kostenfreie Leseprobe.

Selbstverständlich gibt es auch eine E-Book-Version, die zum Preis von 13,99 Euro in den einschlägigen Portalen heruntergeladen werden kann. 

 

Klaus N. Frick

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