Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 4)

16.08.2012 08:15 von vpm

»Der Flüchtling« von Massimo Carlotto

Ein Krimi aus dem realen Leben

Der italienische Schriftsteller Massimo Carlotto war mir bereits ein Begriff. Ich hatte von ihm die knallharten Romane »Arrivederci amore, ciao« und »Die dunkle Unermesslichkeit des Todes« gelesen, dazu zwei Erzählungen in Anthologien. Der Autor beschäftigt sich mit der Durchdringung der italienischen Gesellschaft durch Korruption und Drogenhandel, mit der allgegenwärtigen Mafia und der Vermengung von Bürokratie, Politik und Verbrechen.

Dass sein eigenes Leben über Jahre hinweg einem düsteren Roman ähnelte, ist nicht jedem Leser bewusst. Carlotto gehörte in den 70er-Jahren zu einer linksradikalen Gruppierung in Norditalien. Als in Padua eine Studentin ermordet wurde und er diesen Mord der Polizei meldete, wurde er sofort verdächtigt und – weil er seine Unschuld nicht beweisen konnte – zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt.

Carlotto wurde im Gefängnis mehrmals brutal von denHardcover: »Der Flüchtling« von Massimo Carlotto Wärtern zusammengeschlagen, floh dann ins Ausland. Nach Flucht, Auslieferung und erneuter Inhaftierung wurde er anfangs der 90er-Jahre endlich begnadigt. Sein Fall beschäftigte die Gerichte mehrere Jahre lang, es gab Unterstützer-Komittees und zahlreiche Aktionen für ihn – letztlich mussten die Gesetze geändert werden.

1993 kam Carlotto frei, und 1995 lag sein Roman über seine Flucht in italienischer Sprache vor. Seit dem Sommer 2010 gibt es nun die deutschsprachige Übersetzung als »Der Flüchtling« in einer schönen Hardcover-Version. (Diese Besprechung kommt mit enormer Verspätung – aber das schadet der Qualität des Buches nichts.) Es ist Carlottos Roman über sich selbst, streng genommen eine Mixtur aus romanähnlichen Beschreibungen und journalistischen Aufzeichnungen.

Carlotto berichtet von seinem Leben in Paris, von seiner Einsamkeit und seiner gescheiterten Beziehung, von seinem Versuch, in Mexiko Fuß zu fassen. Er schreibt über die Tatsache, dass er als Flüchtling immer korpulenter wurde, oder über seine Wankelmütigkeit. Ebenso erzählt er von den Freunden, die ihm halfen, und den politischen Weggefährten, die selbst Flüchtlinge waren und sich wieder in die Bürgerkriegsgebiete etwa in Lateinamerika begaben.

Eigentlich ist »Der Flüchtling« nicht spannend. Von Anfang an weiß der Leser schließlich, wie das Buch ausgeht. Aber es ist ein interessantes Buch, und die vielen kleinen Geschichten, die der Autor einwebt, lesen sich mitreißend genug.

Der Stil des Autors bleibt kühl. Was in seinen späteren Romanen dazu führt, dass er unglaubliche Brutalitäten gewissermaßen nebenbei schildern kann, kommt hier als besonders reduzierter Journalismus herüber. Gefühle wirken unterdrückt, Angst wird immer wieder nur angedeutet. Letztlich ist »Der Flüchtling« ein Buch über Justizwillkür und Flucht, über die Einsamkeit eines Mannes und seine Versuche, diesem Leben einige Hoffnung abzuringen.

Seit ich »Der Flüchtling« gelesen habe, möchte ich mehr von Carlotto haben. Glücklicherweise bietet der Tropen-Verlag, in dem das Buch erschienen ist, weitere Werke des Autors an – da werde ich wohl »zuschlagen«. Diesen Roman empfehle ich all jenen, die sich für die Schattenseiten einer Gesellschaft interessieren und wissen möchten, wie sich Willkür auf das Leben eines Unschuldigen auswirken kann. Wer sich ein wenig damit befassen möchte, findet auf der Internet-Seite des Verlages eine Leseprobe.

Der Roman ist vergleichsweise dünn – er umfasst nur 184 Seiten. Er ist als schickes Hardcover mit Schutzumschlag erschienen und kostet 18,95 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-608-50205-3 kann »Der Flüchtling« in allen Buchhandlungen bestellt werden, ebenso bei Versendern wie amazon.de.

 

Klaus N. Frick

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