Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 4)

08.05.2014 08:10 von vpm

Warren Ellis: Gun Machine

In den Eingeweiden von New York

Die Figur des einsamen Ermittlers, der einen Serienkiller jagt und von seinen eigenen Dämonen verfolgt wird, ist im modernen Krimi seit gut zwanzig Jahren zu etwas völlig Normalem geworden. Niemand ist mehr überrascht, wenn in einem Krimi – ob als Roman oder als Film – die Leichen gleich im Dutzend auftauchen. Schon im gemütlichen »Tatort« hat der »Body Count« drastisch zugenommen.

MWarren Ellis: Gun Machineit einem Fall, wie ihn der britische Autor Warren Ellis in seinem schnodderigen Thriller »Gun Machine« erzählt, hatten aber eigentlich weder ein Ermittler noch ein Leser jemals zu tun. Die Tat ist zu monströs, die geschilderten Charaktere sind zu abgefahrenen, die Motive des Killers wirken bei aller Perversion des Mordens irgendwie nachvollziehbar. Wobei neben dem Killer und dem Ermittler sowie einer Handvoll anderer Figuren in diesem Roman vor allem eine Figur besonders wichtig wird: die Stadt New York selbst mit ihrer Tragik, mit ihrer Tradition aus Mord und Todschlag, aus Verrat und Lügen.

Mir ist Warren Ellis durch seine ungewöhnlichen Comics bekannt geworden; vor allem seine Serie »Transmetropolitan«, die derzeit in deutscher Sprache neu aufgelegt wird, setzte in den 90er-Jahren Maßstäbe. Ellis liebt es, rasante Geschichten zu erzählen, in denen teilweise überzogene Charaktere aufeinander treffen – bei seinen Comics vermengen sich satirische und ernsthafte Szenen oft zu einer Mixtur, die nicht jedermanns Sache ist. Auch sein aktueller Roman enthält Szenen, die in einem Film á la »Pulp Fiction« für Entsetzen und Gelächter gleichermaßen sorgen dürften.

Der eigentliche Held des Buches ist John Tallow, kein sonderlich überzeugender Polizist. Zu Beginn des Romans wird er zu einem Einsatz gerufen, bei dem sein Partner getötet wird und er den Gegner niederschießt. Im selben Haus findet sich eine Wohnung, die voller Waffen ist – und jede Waffe wurde, wie sich rasch herausstellt, bei einem Mordfall benutzt, der bis dato ungeklärt ist. Auf einmal muss sich Tallow also mit einem Serienkiller herumschlagen, der offensichtlich mehr als hundert Menschen auf seinem Gewissen hat ...

Seine einzigen Verbündeten sind zwei Forensiker, die völlig abgedreht wirken, und als seine eigentlichen Gegner erweisen sich Vorgesetzte, die Stadtverwaltung und irgendwelche mächtigen Männer, die in New York den Ton angeben. Und der Serienkiller, der sehr früh in die Handlung eingeführt wird, träumt die ganze Zeit von einem Mannhattan, das vor der Zeit des »weißen Mannes« in seinen Augen wie ein Paradies war ...

Wie Warren Ellis seinen Polizisten immer tiefer in die bizarre Gedankenwelt seines Killers hinabsteigen lässt und wie er ihn in Konflikte bringt – das ist alles packend geschildert und faszinierte mich bei der Lektüre. Serienkiller-Romane sind nichts Originelles mehr, aber »Gun Machine« hat aufgrund seines monströsen Täters eine andere Qualität als viele andere Romane des Genres. Und der schräge Humor des Autors, der auch in heftigen Szenen durchblitzt, macht den Roman zu einem ausgefallenen Werk.

Ich mochte »Gun Machine« vor allem wegen seines lakonischen Stils und der bizarren Szenen. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, sollte die kostenlose Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages anschauen ...

Der Roman ist als Taschenbuch im Heyne-Verlag erschienen, umfasst 384 Seiten und kostet 8,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-453-43725-8 gibt's ihn überall im Buchhandel, ebenso bei Versendern wie amazon.de. Selbstverständlich bietet der Verlag den Roman auch als E-Book an, unter anderem für den Kindle – in dieser Version kostet er 7,99 Euro.


Klaus N. Frick

Zurück