Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 4)

12.11.2015 08:15 von vpm

Lee Child: Der Anhalter

Action-Thriller mit Terroristen

Lee Child: Der AnhalterEin grundlegendes Gesetz von Serien ist, dass die einzelnen Folgen aufeinander aufbauen. Das gilt für Filme genauso wie für Comics oder Romanhefte und natürlich für Romane, die als Hardcover oder Taschenbuch veröffentlicht werden. Krimis bilden in gewisser Weise die Ausnahme von der Regel: Der Seriencharakter ist in der Regel recht locker, so dass ein interessierter Leser jederzeit einsteigen kann.

Die »Jack Reacher«-Serie des amerikanischen Schriftstellers Lee Child ist dafür ein gelungenes Beispiel. Sie erfreut sich nicht nur im englischsprachigen Raum, sondern auch in Europa großer Beliebtheit, jeder Band landet praktisch direkt auf den Bestsellerlisten. Die einzelnen Romane lassen sich unabhängig voneinander lesen, man benötigt keinerlei Vorkenntnisse, und nur die Person, die mit der Serie vertraut ist, freut sich über wenige Querverweise.

Der aktuelle Serientitel, der als »Der Anhalter« in den deutschsprachigen Handel gekommen ist, bildet keine Ausnahme. Die Hauptfigur wird damit eingeführt, dass sie ein gebrochenes Nasenbein hat, das ständig schmerzt. Das ist der einzige Hinweis auf den zuvor veröffentlichten Roman – was davor geschehen ist, benötigt man nicht als Information. Man muss eigentlich nur wissen, dass Jack Reacher ein ehemaliger Militärpolizist ist, der kreuz und quer durch Amerika reist und von einem Abenteuer ins nächste stolpert.

So auch in diesem Fall. Er reist als Anhalter, doch die drei Menschen, die ihn mitnehmen, kommen ihm seltsam vor. Erst nach einiger Zeit wird ihm klar, dass die Frau auf dem Rücksitz offensichtlich von den zwei Männern vorne entführt worden ist – doch noch weiß er nicht, dass er auf der Spur einer Gruppe von Terroristen ist, die sich ausgerechnet im ländlichen Raum der USA eingenistet haben. (Wer jetzt meint, ich hätte zuviel verraten, hat hoffentlich Verständnis: Zwar benötigt die Hauptfigur recht lange, um diese Informationen herauszufinden – die Leser erfahren es jedoch durch die Verlagsinformation bereits im voraus ...)

Den weiteren Verlauf des Romans versuche ich erst gar nicht zusammenzufassen. Es geht nämlich rund: An der Seite von zwei jungen Beamtinnen, die ihm gegenüber zumeist misstrauisch und kritisch sind, beginnt Jack Reacher mit seiner Recherche. Knifflige Polizeiarbeit, Verfolgungsfahrten und Schießereien bestimmen die Handlung, am Ende kracht es praktisch ununterbrochen – tatsächlich flacht die Spannungskurve des Romans für mich ab dem Punkt ab, wo die ständige Action einsetzt. Das aber dürfte echt Geschmackssache sein.

Spannend erzählt ist die Geschichte allemal, der Autor versteht sein Handwerk. Zumeist wird stur aus der Sicht seiner Hauptfigur erzählt, gelegentlich wechselt die Perspektive. Das hat den Vorteil, dass der Leser mehr weiß als die Hauptfigur, und den Nachteil, dass manche Überraschung eben nicht sonderlich zündet.

Das störte mich nicht, so wie mich auch nicht die streckenweise irritierende Weltsicht der Hauptfigur störte: Die wechselt zwischen dem, was man in Europa als linksliberal bezeichnen würde, und einer beinharten »Law-And-Order«-Einstellung munter hin und her – für einen amerikanischen Thriller, bei dem die Bösewichte letztlich Terroristen aus dem Nahen Osten sind, argumentieren die Figuren aber erstaunlich differenziert.

Wer sich von einem echten Genre-Kracher fesseln lassen möchte, ist mit »Der Anhalter« auf jeden Fall bestens unterhalten: keine anspruchsvolle Literatur, aber eine packende Geschichte, die so wirkt, als würde man einen Blockbuster-Film auf Großleinwand anschauen.

Erschienen ist der Roman als Hardcover mit Schutzumschlag bei Blanvalet. Er ist 448 Seiten stark und kostet 19,99 Euro. Er ist in jeder Buchhandlung zu erhalten oder kann jederzeit bestellt werden, auch über Versender wie Amazon; dabei kann die ISBN  978-3-7645-0541-7 behilflich sein.

Zum Hörbuch kann ich nicht so viel sagen. Es ist als Box mit sechs CDs im Audio Media Verlag erschienen, wird von Michael Schwarzmaier gelesen und kostet 15,99 Euro. Ebensoviel kostet das E-Book, das es unter anderem für den Kindle gibt.
 

Klaus N. Frick

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