Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 3)

26.06.2013 08:19 von vpm

»Das Netz der großen Fische« von Andrea Camilleri

Politik, Medien und ein Mord

In der aktuellen politischen Diskussion um Schwarzgeldkonten, Finanz- und Bankenkrise sowie gesamteuropäische Koordination kommt ein Land immer wieder schlecht weg: Es ist Italien, eigentlich eine führende Nation in Europa, eigentlich eine Wirtschaftsgroßmacht, aber seit Jahren oft in politischen Turbulenzen. Ein Mittel, sich dem Land und seinen Problemen zu nähern, ist der Kriminalroman – und ein Autor, der sich auf die Mixtur aus Politik und Krimi bestens versteht, ist Andrea Camilleri.

Bei Bastei-Lübbe ist sein Roman »Das Netz der großen Fische« erschienen. Von der Optik her nähern sich die Verantwortlichen im Kölner Verlagshaus den erfolgreichen Montalbano-Krimis des Autors an, die bei Lübbe ein großer Erfolg sind. Das ist allerdings nicht ganz korrekt: Der vorliegende Roman hat mit dem Commissario Montalbono nur am äußersten Rand zu tun, wenngleich er in derselben Region spielt.

Zur Handlung: Ein junger Mann wird beschuldigt,»Das Netz der großen Fisch« von Andrea Camilleri (Taschenbuch) seine Verlobte ermordet zu haben. Das Pikante dabei ist, dass sein Vater zu den führenden Figuren der Linkspartei gehört und die Ermordete die Tochter eines Abgeordneten war, der zur anderen Partei gehört. Was also wie ein vergleichsweise »normaler« Mord aussieht, hat vom ersten Tag an eine pikant-politische Komponente.

Michelle Caruso, der Programmdirekter beim Fernsehsender RAI, wird sofort in die Geschehnisse verwickelt. Beide Seiten versuchen ihn, auf ihre Seite zu ziehen und direkten Einfluss auf die Berichterstattung zu gewinnen. Dabei spielen die Ermittlungen der Polizei und die Wahrheit hinter dem Mordfall keinerlei Rolle: Es geht nur um politische Aktivitäten und natürlich um wirtschaftliche Ziele.

Andrea Camilleri ist schon über achtzig Jahre alt – aber noch immer brodelt in ihm der Zorn auf die Mächtigen in seiner Heimat, die das Land und die Leute ausplündern. Glaubt man seinem Roman, stecken Politik, Kriminelle und Medien in einem stärkeren Umfang unter einer Decke (oder unter unterschiedlichen Decken, um beim Bild zu bleiben), als man sich das eigentlich vorstellen möchte. In Italien schienen genügend Leute sein Bild zu teilen: Der Roman war ein Bestseller und wurde mit einem Literaturpreis ausgezeichnet.

Der Roman lässt sich nicht so einfach lesen wie ein Montalbano-Krimi. Zwar bleibt Camilleri in seiner Erzählweise den bisherigen Rezepten treu, indem er streng aus der jeweiligen Perspektive seiner Hauptfigur erzählt, dennoch tauchen derart viele Nebenfiguren auf, dass man zeitweise den Überblick verliert. Kein Wunder, dass der Autor seinen Roman mit einem Verzeichnis der Personen und ihrer Rollen einleitet und ein ergänzendes Nachwort dazu liefert.

Wer sich auf das Geschehen einlässt,»Das Netz der großen Fisch« von Andrea Camilleri (Hörbuch) bekommt eine unterhaltsame Handlung serviert, die keinerlei Action oder herkömmliche Spannung aufweist, sondern mit vielen Gesprächen und komplexen Untersuchungen aufwartet. Sex und gutes Essen spielen selbstverständlich eine Rolle in diesem Roman – sonst hieße der Autor nicht Camilleri –, und er steckt auch voller ironischer Spitzen. Dennoch sollte man als Leser aufmerksam bei der Sache bleiben.

Ich las ihn mit großem Vergnügen und möchte ihn ausdrücklich denjenigen empfehlen, die gern mehr über Italien erfahren wollen: Die Lektüre ernüchtert vielleicht, aber sie ist möglicherweise hilfreicher als ein Reiseführer. Lohnenswert und unterhaltsam zugleich!

Die Taschenbuch-Ausgabe, die seit November 2012 bei Bastei-Lübbe vorliegt, gibt es für 8,99 Euro und mithilfe der ISBN 978-3-404-16749-4 überall im Buchhandel. Nach wie vor erhältlich ist übrigens die Hardcover-Ausgabe für 19,99 Euro mit der ISBN 978-3-7857-2418-7.

Wer gerne einem Krimi lauschen mag – was bei dem durchaus komplexen Fall sicher nicht so einfach ist –, wird ebenfalls bedient. Rolf Berg liest die gekürzte Hörbuchversion von Lübbe-Audio, die es mithilfe der ISBN 978-3-7857-4456-7 überall im Buchhandel gibt. Der durchschnittliche Verkaufspreis liegt bei 10,99 Euro. Die vier CDs dauern 235 Minuten.

Hardcover, Taschenbuch und Hörbuch sind selbstverständlich über Versender wie amazon.de lieferbar. Das E-Book kostet 7,49 Euro; man bekommt es bei den üblichen Download-Portalen. Unter anderem kann man es für den Kindle erhalten.

 

Klaus N. Frick

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