Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 2)

10.11.2015 08:15 von vpm

Martin Suter: Montecristo – Hörbuch

Beklemmender Finanz-Thriller

Martin Suter: Montecristo – HörbuchMartin Suter ist ein Bestsellerautor. Seine Romane verkaufen sich in hohen Auflagen, sie werden teilweise verfilmt, viele Leser fiebern dem jeweils neuesten Band entgegen. Den Namen des Autors kannte ich schon lange, gelesen hatte ich noch nie etwas. Deshalb interessierte mich »Montecristo«, sein aktuelles Werk, und ich wollte unbedingt wissen, ob dieser Roman wirklich so gut ist, wie viele sagen und schreiben.

Ich entschied mich für die Hörbuchversion, die – wie der Roman auch – bei Diogenes erschienen ist. Sie wird von Wanja Mues gelesen, dessen ausdrucksstarke Stimme die einzelnen Charakter bei »Montecristo« sehr klar heraushebt.

Der Roman wird gern als Finanz-Thriller bezeichnet, beginnt aber eher behäbig. Das liegt an der Hauptperson, einem ruhigen Videojournalisten namens Jonas Brandt. Dieser ist mit seinem Beruf nicht sonderlich glücklich und träumt von einem großen Kinofilm, an dem er seit Jahren arbeitet. Sein Werk soll den Titel »Montecristo« tragen und die klassische Geschichte des Grafen von Montecristo in die Gegenwart verlagern – zu einem Epos um Drogen, Gefängnis, Betrug und Rache.

Zwei zufällige Begegnungen sorgen aber dafür, dass sich Brandts Leben recht schnell ändert. Zuerst wird er Zeuge, wie ein Bankangestellter ums Leben kommt, dann fallen ihm zwei Hundert-Franken-Scheine in die Hände, die – was nicht sein kann – dieselbe Seriennummer besitzen.

Während er noch nicht weiß, was er von diesen Dingen halten soll, wird Brandt nachts überfallen. Zudem wird seine Wohnung professionell aufgebrochen und durchsucht. Als er sich wegen des Überfalls und des Einbruchs an die Polizei wendet, schenkt ihm niemand Glauben. Bei allen weiteren Recherchen stößt er auf eine Mauer aus Schweigen und Verwirrung, dann kommen Menschen aus seinem Bekanntenkreis ums Leben.

Wie es aussieht, ist der harmlose Videojournalist auf die Spur einer Verschwörung gekommen. Sie durchzieht das Bankensystem der Schweiz und reicht bis in die höchsten Kreise des Staates. Es geht eben nicht nur um Geldscheine, die mehr oder weniger versehentlich doppelt gedruckt wurden, sondern es geht darum, dass eine Bank nicht einfach zusammenbrechen darf.

Damit das Bankensystem weiter erhalten bleibt, gehen die Verantwortlichen notfalls über Leichen. Und Jonas Brandt muss sich am Ende entscheiden, wie er sich verhalten möchte: Will er sich anpassen oder will er seine Mission zu Ende bringen, nämlich die Wahrheit veröffentlichen?

Martin Suters Roman beginnt sehr gemütlich. Der Autor neigt zu langen Sätzen und ausführlichen Beschreibungen; Action gibt es praktisch keine, und Sex wird eher nüchtern beschrieben. Seine Stärke sind Dialoge, die zwar immer sehr bürgerlich und brav wirken, die Handlung aber glaubhaft illustrieren. Ab der zweiten Hälfte wird sein Roman, der anfangs fast zu ruhig war, spannender und steigert sich immer weiter.

Das Ende fand ich ein wenig enttäuschend, die Auflösung begeisterte mich nicht. Das ist allerdings Geschmackssache, anderen Lesern und Hörern dürfte das gefallen haben. Sieht man aber von der letzten Viertelstunde des Hörbuches ab, fühlte ich mich durchgehend sehr gut unterhalten.

Interessant fand ich, dass ich diesmal die Hörbuchversion bevorzugte; dadurch erhielt ich einen ganz anderen Blick auf »Montecristo«. Der Roman wirkt durch die Stimme des Sprechers plastischer, ich bekomme ihn gewissermaßen serviert und bilde mir die Stimmen nicht selbst im eigenen Kopf.

Lohnenswert ist die Geschichte allemal – als Thriller der leisen Töne, der sich kontinuierlich steigert und am Ende ein wenig abflaut. Wer mag, kann zum gedruckten Buch oder E-Book greifen; ich mochte das Hörbuch sehr.

Das Hörbuch ist eine ungekürzte Lesung; sie ist 451 Minuten lang. Wer die schöne Hörbuch-Box haben möchte, erhält sechs CDs sowie ein kleines Beiheft. Sie ist mithilfe der ISBN 978-3-257-80362-4 überall im Buch- und Musikfachhandel zu erhalten; selbstverständlich kann sie überall bestellt werden, unter anderem bei Amazon. Als empfohlener Verkaufspreis werden 24,90 Euro angegeben.

Der Roman ist ebenso als Hardcover erschienen (ISBN 978-3-257-06920-4; für 23,90 Euro) wie auch als E-Book (für 21,99 Euro). Hier gilt dasselbe: in jeder Buchhandlung zu bekommen, ebenso im Versandhandel wie etwa bei Amazon.
 

Klaus N. Frick

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