Die Woche der Krimi-Tipps (Teil 1)

05.05.2014 08:10 von vpm

Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks

Ein ungewöhnlicher Ermittler und sein erster Fall

Cormoran Strike ist ein erfolgloser Privatdetektiv alter Schule, der in London ermittelt. Der große kräftige Mann war Soldat in Afghanistan, wurde dort schwerverwundet und trägt seitdem eine Beinprothese. Nachdem ihn seine wohlhabende Freundin vor die Tür gesetzt hat, fristet er ein armseliges Leben: Er isst billige Nudelgerichte, und er übernachtet auf einer Campingliege in seinem schlichten Büro.

So Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckuckspräsentiert Robert Galbraith seinen neuen Krimi-Helden in seinem Roman »Der Ruf des Kuckucks«. Als der Roman in Großbritannien erschien, nahmen nur wenige Käufer und Kritiker Notiz von ihm. Seit klar ist, dass sich die Bestsellerautorin J.K. Rowling – die Autorin der »Harry Potter«-Romane – hinter dem Pseudonym verbirgt, ist der Krimi auf allen Bestsellerlisten.

Nicht zu Unrecht: Die Geschichte ist spannend – dazu gleich mehr – und gut in Szene gesetzt, und die Charaktere verhalten sich meist glaubhaft. Wenn man es genau nimmt, ist Cormoran Strike ein naher Verwandter von Harry Potter. Er kommt aus einer eigentlich reichen Familie, mit der er nichts zu tun hat, er schleppt eigene Geheimnisse mit sich herum, und er lüftet Stück um Stück weitere Geheimnisse. 

Strike soll den Selbstmord eines populären Supermodels aufklären. Während die Polizei und die Medien sich auf Selbstmord geeinigt haben, verfolgt ein Familienangehöriger die Theorie, sie sei ermordet worden. Strike beginnt, Menschen zu befragen und im Dreck zu wühlen ... Dabei ist ihm Robin behilflich, seine Assistentin, die ihm von einer Zeitarbeitsfirma zugeteilt worden ist. Ganz gegen seinen Willen entwickelt sich aus der »One-Man-Show« des kriegsversehrten Detektivs eine gemeinsame Ermittlung.

Ich gestehe, dass der Hintergrund zu diesem Roman fast spannender ist als die eigentliche Geschichte: Da setzt sich also die Auflagen- und Dollar-Multimillionärin J.K. Rowling hin und schreibt im Verborgenen einen Roman, in dem ein seltsamer Detektiv vorkommt, und veröffentlicht das Werk unter dem Titel »The Cuckoo's Calling« in einem kleinen Verlag. Ob sie damit beweisen wollte, dass sie auch ohne den Zauberlehrling mit der zackigen Stirnnarbe erfolgreich sein kann?

In Großbritannien verkauft sich der Krimi eher schwach, weil niemand weiß, wer sich hinter Robert Galbraith verbirgt, und erntet eine Reihe guter Kritiken. Aufgrund dieser Kritiken nimmt der Blanvalet-Verlag, ein Teil der Random-House-Gruppe, das Buch für eine vergleichsweise geringe Garantiesumme in sein Programm auf – und deshalb ist »Der Ruf des Kuckucks« nicht im selben Verlag veröffentlicht worden wie »Harry Potter«.

Interessant ist auch die Reaktion, auf die der Roman hierzulande gestoßen ist. Von grenzenlosem Jubel bis hin zu vernichtenden Kritiken findet sich buchstäblich alles – und diese extremen Reaktionen verdankt das Werk eher dem Bekanntheitsgrad der Autorin. »Der Ruf des Kuckucks« ist kein Roman, den man gelesen haben muss, sondern ein ganz klassischer Krimi: Es gibt zwei Morde, mehr nicht, und es werden keinerlei Grausamkeiten geschildert. Seitenweise erzählt die Autorin, wie der Detektiv allerlei Zeugen und andere Menschen befragt; ebenso ausführlich zeigt sie, wie er sich mit seinem Leiden herumplagt oder in die »feine Gesellschaft« abtaucht. 

Lesern, die ansonsten moderne blutrünstige Thriller mögen, dürfte das zu langweilig vorkommen. Wer aber seinen Geschmack an klassischen Krimis mit sauber aufgelösten Verbrechen noch nicht verloren hat, findet an diesem Werk seine Freude. Ich habe mich hervorragend unterhalten, finde die Wandlung der Fantasy- zur Krimischriftstellerin sehr positiv und würde gerne weitere Romane mit dem Detektiv Cormoran Strike lesen.

Veröffentlicht wurde der Roman als gebundenes Buch mit Schutzumschlag; es umfasst 640 Seiten und kostet 22,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-7645-0510-3 kann man es in allen Buchhandlungen kaufen, ebenso bei Versendern wie amazon.de

Die ungekürzte Lesung ist als Hörbuch zu haben: im Download ebenso wie auf drei MP3-CDs. Zur Qualität dieser Lesung von Dietmar Wunder kann ich allerdings nichts sagen, weil ich sie nicht gehört habe. 

Eine E-Book-Version gibt es für 18,99 Euro, unter anderem für den Kindle. Und wer sich im voraus mit dem Roman beschäftigen möchte, findet auf der Internet-Seite von Random House eine kostenlose Leseprobe.

 

Klaus N. Frick

Zurück