Die Woche der Graphic Novels (Teil 4)

23.04.2015 08:10 von vpm

Jean C. Denis: Auf nach Matha

Melancholischer Blick auf die 60er-Jahre

Frankreich in den 60er-Jahren: Noch gelten die Regeln der »Alten«, doch die Jungen interessieren sich immer mehr für moderne Themen; ein Hauch von Revolte liegt bereits in der Luft. Das gilt auch für Antoine, einen 16 Jahre alten Teenager, der sich eher für Rockmusik und Mädchen interessiert als für die Vorschriften seines strengen Vaters. Dieser ist Soldat und hat klare Vorstellungen davon, wie das Leben seines Sohnes und die gesamte Gesellschaft abzulaufen haben.

Antoine traut sich noch nicht, richtig aufzubegehren. Aber er möchte endlich ein selbstbestimmtes Leben haben, möchte sich in die attraktive Christelle verlieben und vor allem mit seiner Clique eine spannende Zeit verbringen. Als seine Familie zum Urlaub ans Meer aufbricht, arrangiert Antoine den Aufenthalt so, dass er in der Nähe seiner Clique ist – diese urlaubt tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Auf_nach_Matha.jpegnämlich in einem Dorf namens Matha. Und dort entwickelt sich eine Geschichte aus Jugendliebe und Jugendärger, einige Streitereien mit der Dorfjugend inklusive.

Das hört sich jetzt nicht unbedingt spannend an – es ist auch kein Spannungskracher, was der französische Comic-Zeichner Jean-Claude Denis in »Auf nach Matha« erzählt. Er präsentiert eine klassische Jugendlichengeschichte, zu der die erste Liebe ebenso gehört wie der dauernde Streit mit den Eltern oder der Versuch, sich eigene Freiheiten zu erkämpfen. Dass er sie in den 60er-Jahren ansiedelt, passt gut; in dieser Zeit erlebte der Zeichner selbst seine Jugend.

Hierzulande hat Denis nicht einmal bei den Comic-Fans einen großen Namen, in Frankreich zählt er zu den Künstlern, die in der Szene allgemein anerkannt sind. Umso besser, dass Salleck Publications – ein kleiner, aber sehr aktiver Verlag – sich seines Werks annehmen möchte. »Auf nach Matha« sind ursprünglich zwei in sich abgeschlossene Comic-Alben, die bei Salleck jetzt in Form einer gelungenen Gesamtausgabe erschienen sind.

Auch wenn der Künstler selbst sicher nie den Begriff »Graphic Novel« für seine Geschichte wählen würde, ist es doch genau das: »Auf nach Matha« entpuppt sich als ein Roman in Bildern, eine unaufgeregt erzählte Geschichte, die schöne Landschaftsbilder, gelungene Porträts und insgesamt einen ruhigen Zeichenstil präsentiert. Alles wirkt sehr klassisch, als stammten die Illustrationen selbst aus den 60er- oder 70er-Jahren, als seien die modernen Stilrichtungen spurlos an dem Zeichner vorüber gegangen.

Das kann man altmodisch nennen, aber hier passt es wunderbar zur Geschichte. Auch wenn der Comic im Jahr 1967 spielt, könnten die grundsätzlichen Elemente zudem durchaus in der heutigen Zeit angesiedelt sein. Mir hat »Auf nach Matha« richtig gut gefallen – ein Entwicklungsroman in Form eines Comics, den ich sicher nicht zum letzten Mal in der Hand gehalten habe. Sehr gelungen!

Der Hardcover-Band ist schön gestaltet und umfasst 128 Seiten. Er kostet 29,00 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-89908-530-3 im Comic-Fach- sowie im Buchhandel bestellt werden, ebenso bei Versendern wie Amazon oder im Shop des Verlages. Auf der Internet-Seite von Salleck Publications steht zudem eine kostenlose Leseprobe zur Verfügung.

 

Klaus N. Frick

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