Die Woche der Graphic Novels (Teil 2)

21.04.2015 08:10 von vpm

Guillaume Sorel: Appartement 23

Zwischen Literatur, Traum und Comic

Die meisten Comics erzählen ihre Geschichten eher plakativ. Das liegt in der Natur der Dinge: Die Texte in den Sprechblasen sowie die Bilder gehen eine Einheit ein, die eine möglichst spannende Geschichte vorantreiben soll. Kein Wunder, dass die meisten Comics eher populäre Themen behandeln: Science Fiction und Fantasy, Funnys und Superhelden, Krimi- und Liebesgeschichten.

Wer einen außergewöhnlichen Comic lesen möchte, der mit literarischen Zitaten, einer verwickelten Handlung und einem ungewöhtl_files/comic/images/news/empfehlungen/Appartement_23.jpgnlichen Zeichenstil auf sich aufmerksam macht, für den ist »Appartement 23« von Guillaume Sorel sicher eine Empfehlung. Schon der erste Blick zeigt, wie »anders« der Comic ist: Die Seiten wirken grau. Es gibt keine Farben, aber es ist auch kein klares Schwarzweiß, wie man es beispielsweise von Frank Millers »Sin City« her kennt.

Die durchgehend graue Farbgebung, die aber beeindruckend viele Schattierungen und Verschiebungen aufweist, sorgt von der ersten Seite an für eine Lektüre, die »anders« ist als bekannt. Konsequenterweise entwickelt sich auch die Geschichte in eine andere Richtung, als man es von herkömmlichen Comics kennt.

Hauptfigur ist Emilie; die junge Frau begeht Selbstmord. Als Tote bleibt sie allerdings in ihrem Appartement sowie der häuslichen Umgebung. Dummerweise kann sie nicht mehr mit den Lebenden sprechen, sie geistert buchstäblich durch das Haus. Immerhin kann sie sich mit den allgegenwärtigen Katzen unterhalten – und so sieht sie sich an, welche Leute im Haus leben, welche Probleme sie haben und mit welch phantastischen Mitteln sie ihr Leben bestreiten.

So gibt es beispielsweise einen jungen Mann, der sich als Maler durchzuschlagen versucht. Er besitzt immerhin einen magischen Spiegel, durch den er mit einer phantastischen Gegenwelt in Kontakt treten kann. Oder es gibt einen dicken Mann mit einer umfangreichen Bibliothek. Er ist in der Lage, aus den Klassikern der Weltliteratur allerlei Figuren entstehen zu lassen; mit diesen tanzt und feiert er, spricht mit ihnen, steigt mit ihnen ins Bett.

Auf diese Weise erlebt Emilie das Haus neu – sie erhält Blickwinkel, die kein lebender Mensch erlangen kann. Hinter buchstäblich jeder Tür eröffnet sich ein neues Universum, das sie und damit der Leser staunend betrachten kann. Soweit die Handlung von »Appartement 23«, deren Beschreibung aber kaum die komplexe Geschichte wiedergeben kann.
Guillaume Sorel erzählt nicht linear. Er lässt sich von klassischen Gedichten unterstützen; seitenweise werden Autoren wie Arthur Rimbaud oder Charles Beaudelaire zitiert. Zu ihren Texten tötet sich beispielsweise Emilie selbst, feiert der dicke Bücherliebhaber seine Orgien, leidet ein eingesperrtes Kind. Die Geschichte ist phantastisch im wahrsten Sinne des Wortes – die Realität wird immer wieder zur Seite gedrängt, während stattdessen Gefühle lebendig werden.

Die traumhafte Erzählweise wird durch die grauen Bilder unterstrichen. Der Zeichenstil ist sehr realitätsnah; Sorels Figuren wirken stets glaubhaft; das Mehrfamilienhaus steht wie eine Festung mitten in einem zeit- und ortlosen Wohngebiet. Zeichnerisch ist das brillant – allerdings muss man diesen morbiden Blick auf die Welt mögen. (Ich empfehle ein Anschauen der kostenlosen Leseprobe, die es auf der Internet-Seite des Verlages gibt.)

»Appartement 23« ist ein Comic-Roman reinsten Wassers; der Begriff »Graphic Novel« passt hier absolut. Und er ist für all jene Leser ein Leckerbissen, die ungewöhnliche Kost mögen und ein richtig schönes Comic-Buch in ihrem Regal stehen haben möchten.

Der 104 Seiten starke Comic-Band kostet 19,80 Euro und ist mithilfe der ISBN 978-3-86869-755-1 überall im Buch- und Comic-Fachhandel zu beziehen, ebenso bei Versendern wie Amazon. Wie es sich für Bücher aus dem Splitter-Verlag gehört, ist »Appartement 23« hochwertig gestaltet und ebenso hochwertig gedruckt.

 

Klaus N. Frick

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