Die Woche der Ami-Comic-Tipps (Teil 2)

18.12.2012 08:28 von vpm

Sandman präsentiert: »The Dreaming«

Comics zwischen Traum und Wahnsinn

Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass die »Sandman«-Comics in den 90er-Jahren einen Teil der amerikanischen Comic-Industrie revolutioniert haben. Sie waren anders erzählt, setzten auf Mythen und schräge Figuren anstatt auf knallbunte Superhelden. Sie waren zudem in unterschiedlichen Stilrichtungen gezeichnet.

Die Geschichten des Briten Neil Gaiman und ihre Umsetzung in Comics, die nicht dem normalen Superhelden- oder Action-Geschäft entsprachen, wurden mehrfach nachgedruckt, auch im deutschen Sprachraum, und beeinflussen seitdem zahlreiche Künstler.

Mit »Sandman: The Dreaming« kam in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre eine ergänzende Reihe heraus, die insgesamt sechzig Hefte umfasste. Stück für Stück werden sie jetzt vom Panini-Verlag veröffentlicht. Mit dem Obertitel »Sandman präsentiert: The Dreaming« und dem etwas sperrigen Untertitel »Durch die Tore aus Horn und Elfenbein« liegt eine schöne Sammlung vor: die amerikanischen Original-Hefte 15 bis 19 sowie 22 bis 25 in einem umfangreichen Paperback.

Teilweise handelt es sich um eine Anthologie mit in sich abgeschlossenen Geschichten: Am besten gefällt mir dabei die Story »Arbeitstag & Nachtschlaf«, in der ein im Büro sitzender Chef immer davon träumt, endlich einmal »richtig arbeiten« zu können. Im Schlaf wird sein Wunsch erfüllt, aber er muss einen speziellen Preis dafür entrichten.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet allerdingsSandman präsentiert: »The Dreaming« eine komplexe Mini-Serie, die sich über mehrere der ursprünglichen Comic-Hefte zieht. Ein mysteriöser Rabe sowie ein Mann, der sich stark für Augäpfel interessiert, gehören zu den Hauptfiguren dieser Geschichte; wegen der Komplexität musste ich einige Seiten sogar zweimal lesen. Hexerei und Phantastik, biblische Bezüge und die Bibliothek der Träume vermengen sich zu einer bizarren Story, die aus dem Rahmen des Konventionellen fällt.

Seien wir ehrlich: Man muss sich schon auf die Welten einlassen, die von den Autoren und Zeichnern beschworen werden. Stilistisch sind sie abwechslungsreich, phantastische Elemente finden sich zuhauf; wer die »Sandman«-Comics nicht oder eben nicht gut genug kennt, wird anfangs allerdings Verständnisschwierigkeiten haben. Wer aber phantasievolle Comics mag, die nicht den üblichen Schemata folgen, ist hier bestens bedient und sollte sich zumindest die Leserprobe auf der Verlags-Homepage anschauen.

Ich fand »Durch die Tore aus Horn und Elfenbein« ziemlich klasse, wenngleich es keine einfache Comic-Lektüre ist. Literarisch finde ich sie deshalb, weil es diesem Comic nicht auf die schnelle Action oder auf knallige Überraschungen ankommt. Die Geschichten werden eher langsam erzählt; sie legen Wert auf gute Dialoge und ausdrucksstarke Bilder. Auf den einen oder anderen Schock – etwa Augäpfel, von denen das Blut tropft – wird allerdings nicht verzichtet.

Kein Comic zum gemütlichen Durchschmökern, sondern einer, der einiges an Aufmerksamkeit verlangt!

Die 224 Seiten, die zu einem schicken Paperback mit Klappumschlag gebunden sind, kosten 24,95 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-86201-189-6 kann der Comic in jeder Comicfach- oder Buchhandlung gekauft werden, selbstverständlich auch über Versender wie amazon.de. Auf der Panini-Homepage gibt's den Zugang zur Leseprobe.

 

 

Klaus N. Frick

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