Die Redaktion empfiehlt: »Sequana« von Léo Henry / Stéphane Perger

10.12.2015 08:15 von vpm

Faszinierende Bilder, ungewöhnliche Geschichte

Im Januar 1910 wird Paris von einer ungewöhnlichen Flutwelle heimgesucht. Die Seine überflutet die Hauptstadt, die Wassermassen schließen ganze Stadtviertel von der Außenwelt ab. Während in der Kathedrale einige Geistliche daran glauben, dass nur Gebete helfen könnten, dem Unheil entgegenzuwirken, versuchen verschiedene Ganoven, ihre eigenen Ziele umzusetzen. Eine junge Frau möchte Ärztin werden, der Sohn eines Richters gerät auf die schiefe Bahn, das Wasser steigt, und der Hunger in der Bevölkerung wächst ...

»Sequana«Das ist der Ausgangspunkt für »Sequana«, einen ungewöhnlichen Comic, der sich als Mixtur aus historischem Krimi und fiebriger Bilderzählung entpuppt. Wer mag, darf diesen Comic gern als Graphic Novel bezeichnen – er passt auf jeden Fall nicht in die üblichen Genre-Begrenzungen hinein.

Verantwortlich für die Geschichte ist Léo Henry; er scheint das Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr sauber recherchiert zu haben. Die Gebäude wirken echt, die Kleidung der Menschen sieht glaubhaft aus. Die Sitten und Gebräuche werden von der Geschichte wiedergespiegelt, und gesellschaftliche wie politische Entwicklungen werden ganz nebenbei immer wieder eingewoben.

Die Armut der Arbeiter, die schwierige Situation von Frauen, die Arroganz der immer noch mächtigen Kirche, die sozialen Unterschiede – all das fängt der Autor in einer Geschichte ein, die nicht immer einfach zu lesen ist. Man muss der Handlung konzentriert folgen, vor allem dann, wenn man sich mit Paris und der französischen Geschichte nicht unbedingt so gut auskennt, wird aber in diesem Fall mit einem Gesellschaftsdrama auf verschiedenen Ebenen belohnt. Wäre »Sequana« ein Buch ohne Bilder, würde ihn die Literaturkritik in das Fach »Gesellschaftsroman« stecken.

Richtig stark wird der Comic allerdings – so muss es letztlich sein – vor allem durch seine Bilder. Stéphane Perger liefert Bilder, die manchmal extrem realistisch anmuten, dann wieder absichtlich die Realität verzerrt abbilden. Gesichter macht der Zeichner gelegentlich groß und fratzenhaft, die Häuser und Straßen wirken zum Ausgleich sehr exakt. Dazu der dauernd trübe Himmel, die düstere Seine, die Wassermassen – Pergers Optik fasziniert einen einfach. Um seine Bilder gut zu finden, muss man kein spezieller Fan von Paris sein.

Allerdings ist »Sequana« vor allem ein Comic für diejenigen, die Paris kennen, die in der Stadt zumindest mal ein wenig Urlaub gemacht haben. Sie erkennen sicher Details wieder, sie spüren gewissermaßen den Pulsschlag der Stadt – auch wenn die Geschichte mehr als hundert Jahre vor unserer Zeit angesiedelt ist.

»Sequana« ist auf jeden Fall ein besonderer Comic, keiner von der Sorte, die man ruckzuck »wegliest«. Ich empfand ihn als anspruchsvoll, ohne dass seine Handlung jetzt besonders schwierig wäre; wer eine sehr gute Graphic Novel zu schätzen weiß, ist hier an der richtigen Stelle.

»Sequana« ist als dicker Hardcover-Band erschienen, der sich beim Durchschmökern richtig klasse anfühlt. Die 168 Seiten kosten 29,80 Euro, was ich absolut angemessen finde. Wer sich für den Comic interessiert, sollte auf jeden Fall die Leseprobe betrachten – dann wird hoffentlich klar, warum ich »Sequana« so toll finde.

Mithilfe der ISBN 978-3-95839-045-4 kann das Werk in jeder Buchhandlung bestellt werden, Comic-Fachgeschäfte führen es sowieso, und auch bei Internet-Händlern wie Amazon ist es lieferbar.

Klaus N. Frick

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