Die Redaktion empfiehlt: »Schiffsdiebe« von Paolo Bacigalupi

11.04.2014 09:10 von vpm

Dystopie aus der nahen Zukunft

Nailer ist ein Junge, der am Strand wohnt und den ganzen Tag lang nichts anderes tut, als mit anderen Strandbewohnern zusammen alte Schiffe zu zerteilen. Die knallharte Arbeit, die mies bezahlt wird, gibt es schon in der Realität des Jahres 2014 – in Indien und Bangladesch, wo der Schrott der industrialisierten Länder buchstäblich mit bloßen Händen auseinandergenommen und in die Wiederverwertung überführt wird.

Der Paperback-Cover »Schiffsdiebe«große Unterschied: Nailer lebt in den USA, und seine Geschichte spielt in einer nicht so weit entfernten Zukunft. Nach der Klimakatastrophe sind die großen Städte der amerikanischen Küste vom Meer geschluckt worden, auch der Junge sieht auf die »Zähne« hinunter, die zerborstenen Reste von ehemaligen Häusern. Gleichzeitig sind die USA dieser nahen Zukunft zu einer Gesellschaft geworden, in der Klans und Cliquen mit eisenharten Sitten über die Menschen am Strand herrschen, während eine korrupte Oberschicht in märchenhaftem Reichtum lebt.

Soweit der Ausgangspunkt des Romans »Schiffsdiebe« des amerikanischen Schriftstellers Paolo Bacigalupi. Dieser hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Literaturpreisen gewonnen, mit »Schiffsdiebe« legte er eine heftige Dystopie vor. Wenn man es genau nimmt, ist der Roman ein Jugendbuch, der hierzulande auch zuerst in der für Jugendliche gedachten Reihe »Heyne fliegt« veröffentlicht wurde.

Mit seinem jugendlichen Helden Nailer ist Bacigalupi ein Held gelungen, der die Handlung stets vorantreibt. Er ist nicht »sauber« und denkt nicht »heldisch«, sondern er ist bereit, Menschen zu töten oder sie ihrem Schicksal zu überlassen. Doch immer wieder überwindet er sich selbst, kämpft mit seiner Menschlichkeit. So rettet er irgendwann ein schiffbrüchiges Mädchen, das offensichtlich aus einer reichen Familie stammt, und beschließt, das Mädchen nicht zu verkaufen, sondern ihm zu helfen.

Die Handlung in »Schiffsdiebe« ist rasant und realitätsnah. Das Leben am Strand wird als hart beschrieben, das zerfallende New Orleans, das der junge Held später besucht, wirkt wie ein ausgedehntes Trümmerfeld, das längst vom Meer geschluckt worden ist. Brutalität herrscht vor, geschenkt wird den Menschen nichts – das ist alles sehr düster und wird vom Autor entsprechend geschildert.

Vielleicht ist der »erhobene Zeigefinger« ein wenig zu offensichtlich, macht Bacigalupi seinen Lesern zu oft klar, was der Welt im Fall der weitergehenden Klimaveränderung blüht. Seine kritische Zukunftssicht hat er auf jeden Fall in einen packenden Science-Fiction-Roman gepackt, der ohne Raumschiffe auskommt, in dem es dennoch eine technische Vision gibt und klar wird, dass sich Menschlichkeit durchsetzen kann.

Wenn ich's richtig verstanden habe, ist »Schiffsdiebe« der erste Teil einer Trilogie; der Roman ist aber völlig abgeschlossen und kann »solo« gelesen werden. Ob er angesichts der Härte unbedingt als Jugendliteratur geeignet ist, kann ich nicht sagen – der Autor schuf damit auf jeden Fall eine packende Science-Fiction-Geschichte. Empfehlenswert!

Das Paperback erschien bereits 2012, das Taschenbuch liegt seit 2013 vor; die Taschenbuch-Version umfasst 352 Seiten und kostet 8,99 Euro. Wer mag, kann sie mithilfe der ISBN 978-3-453-53445-2 überall im Buchhandel sowie bei Versendern wie amazon.de bestellen. Ebenso gibt es eine E-Book-Version, unter anderem für den Kindle, die 7,99 Euro kostet.

Klaus N. Frick

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