Die Redaktion empfiehlt: »Quintana Roo« von James Tiptree jr.

04.10.2012 08:00 von vpm

Phantastische Erzählungen einer »Altmeisterin«

Wer sich mit Science Fiction beschäftigt, hat irgendwann von James Tiptree jr. gehört und gelesen. Hinter dem männlichen Pseudonym versteckte sich die Autorin Alice B. Sheldon, die zu ihrer Zeit dachte, sie müsste sich als Frau innerhalb der Science-Fiction-Szene gewissermaßen tarnen. Nur so könnte sie erfolgreich sein ...

Unter ihrem Pseudonym James Tiptree jr. erreichte die Autorin auf jeden Fall den gewünschten Erfolg: Sie erhielt mehrere Preise und kam innerhalb der Szene zu großem Ruhm, vor allem dank ihrer Erzählungen. Der kleine Septime Verlag hat sich nun zur Aufgabe gemacht, das Gesamtwerk der 1987 verstorbenen Autorin in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Mit »Quintana Roo« liegt ein schmaler Band mit drei Erzählungen, einer Vorbemerkung und einem sachkundigen Nachwort vor. Übersetzt wurden die Texte von Frank Böhmert, der den Lesern dieser Besprechung unter anderem als gelegentlicher PERRY RHODAN-Autor bekannt sein dürfte. Er schafft es, den manchmal ausschweifenden, gelegentlich fast lyrischen Stil in ein wunderbares Deutsch zu übertragen – als Leser merkt man bei einer solchen Arbeit irgendwann nicht mehr, dass man eine Übersetzung vor sich hat.

Die Geschichten spielen allesamt in der Region »Quintana Roo« von James Tiptree jr.Quintana Roo, die sich an der Karibik-Küste von Mexiko erstreckt, südlich der Touristen-Hochburg von Cancun. Veröffentlicht wurden sie anfangs der 80er-Jahre in amerikanischen Science-Fiction-Zeitschriften, jetzt liegen sie erstmals in deutscher Sprache vor.

Streng genommen handelt es sich bei den Geschichten nicht um Science Fiction, sondern eher um »allgemeine Literatur« mit einem Hauch von Phantastik. Jede Geschichte beginnt mit alltäglichen Situationen an der Küste, dann kommt ein phantastischer Aspekt hinzu, und am Ende weiß weder die Hauptperson noch der Leser so recht, was er oder sie glauben soll.

Seltsame Menschen wandern in diesen Texten an der Küste entlang und sprechen über unheimliche Ereignisse. Merkwürdige Dinge werden an Land gespült, grausige Wesen scheinen sich aus dem Müll zu bilden, der im Ozean treibt, und die uralten Geheimnisse der Maya-Kultur sind durch die moderne Technik nur ein wenig übertüncht ...

Das Schöne dabei: Was in der Kurzfassung so klingt, als seien die Geschichten immer ein wenig unverbindlich, ist im jeweiligen Text klar formuliert. James Tiptree jr. hatte einen klaren Blick auf die Menschen und ihre Verhältnisse, und das übertrug sich auf ihre Texte –»Quintana Roo« enthält drei schöne Beispiele dafür. Man muss sich als Leser ein wenig darauf einlassen, und man sollte vielleicht auch ein wenig Spaß an »magischem Realismus« haben, dann wird man sie mögen.

Mit beinharter Science Fiction, zu der unweigerlich kühne Zukunftsentwürfe oder große Raumschiffe gehören, hat das nichts zu tun. Aber es handelt sich um phantastische Literatur, die einen als Leser auf eine faszinierende Reise in eine parallele Wirklichkeit schickt – ein echter Tipp also!

Das Buch ist nur 160 Seiten stark und großzügig gesetzt; die Gestaltung des schmalen Hardcover-Bandes ist sehr schön – ein echtes Schmuckstück im Bücherregal. Der Preis ist aufgrund der kleinen Auflage recht hoch: Das Buch kostet 18,40 Euro.

Mithilfe der ISBN 978-3-902711-04-5 kann es in jeder Buchhandlung bestellt werden, selbstverständlich auch über Versender wie amazon.de. Weitere Informationen zum Buch und zur Tiptree-Gesamtausgabe liefert die Verlags-Homepage.

 


Klaus N. Frick

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