Die Redaktion empfiehlt: »Mr. Sapien träumt vom Menschsein« von Ariel S. Winter

22.05.2017 07:30 von vpm

Melancholische Roboter-Geschichte

Das Titelbild ist eindrucksvoll: Ein Kunstwesen schaut mit einem ruhigen Blick in die Ferne, im Hintergrund zeichnen sich Bäume und eine Wiese vor einem graublauen Himmel ab. Es passt wunderbar zu »Mr. Sapien träumt vom Menschsein«, einem ungewöhnlichen Science-Fiction-Roman, den ich mit großem Interesse gelesen habe.

Erzählt wird von Robotern, die in einem weitestgehend von Menschen verlassenen Land leben. Hauptfigur ist Mr. Sapien, einer der letzten Roboter, die noch von Menschen gebaut worden sind – mittlerweile bauen die Roboter längst ihre Nachfahren selbst zusammen und verstehen sich dann als Eltern des Roboters, den sie gemeinsam zusammengestellt haben. Die Roboter dieser fernen Zukunft haben Gefühle, sie streiten sich miteinander, und sie füllen die Lücken auf, die von den Menschen hinterlassen worden sind.

In diesem Fall geht es um Barren Cove, einen alten Landsitz an der englischen Küste. Dort mietet sich Mr. Sapien ein, lernt die robotische Familie kennen, zu der auch ein alter robotischer Gärtner gehört, und versucht auf diese Weise, dem Stress der Stadt zu entkommen. Doch schnell erkennt er, dass in Barren Cove einiges nicht stimmt.

Unter den Robotern lebt ein Mensch, den ein düsteres Geheimnis umgibt. Es könnte sein, dass Beachstone der letzte Mensch ist, der noch auf der Erde lebt – zumindest wird das von Mr. Sapien vermutet. Während er versucht, sich auf seinen Lebensabend vorzubereiten, wird in Rückblicken die tragische Lebensgeschichte von Beachstone und seiner robotischen Familie erzählt ...

tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Menschsein.jpg»Mr. Sapien träumt vom Menschsein« kommt praktisch ohne Action aus; die Handlung besteht aus vielen Dialogen zwischen den Robotern sowie ihren Konflikten. Die Roboter machen sich ihre Gedanken über ihr Dasein, über ihr Leben zwischen den Hinterlassenschaften der Menschen und ihren Status in einer Welt, die sich verändert hat. Sind sie vielleicht der Höhepunkt der Evolution, sind sie neues Leben, gelten sie als die neuen Herren der Erde?

Der Autor interessiert sich nicht für die technischen Details seiner Roboter, es geht ihm um eine menschliche Darstellung von Kunstwesen, um ihre – durch Programme erschaffenen – Gefühle und Sehnsüchte. Für Leser, die Science Fiction möglichst exakt haben möchten, ist das eventuell nicht interessant; von der »Hard SF« ist der Roman also weit entfernt.

Obwohl alle Protagonisten Roboter sind, behandelt der Roman stets menschliche Probleme. Deshalb erinnert »Mr. Sapien träumt vom Menschsein« streckenweise mehr an eine Fabel als an einen Roman. Trotzdem blieben, nachdem ich ihn gelesen hatte, einige der geschilderten Szenen noch lange in meinem Gedächtnis.

Manche Leser möchte ich vor diesem Buch warnen: Auch wenn es sich um Roboter handelt, hat es wenig mit einem konventionellen Science-Fiction-Roman zu tun. Es ist Literatur im besten Sinne, die nach dem Sinn des Lebens fragt und humanistische Überlegungen in eine robotische Zukunft verlegt. Ich fand das fesselnd und unterhaltsam, und ich las den Roman mit großem Vergnügen.

Bei »Mr. Sapien träumt vom Menschsein« muss man aufpassen: Die Geschichte wird nicht linear erzählt, Sprünge durch die Zeit verlaufen ohne Zwischenüberschriften und dergleichen. Der Leser ist also gefordert, muss sich bei der Lektüre durchaus ab und zu konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Aber er wird mit einem ungewöhnlichen Science-Fiction-Roman belohnt, dem ich mehr Leser wünschen würde.

Erschienen ist der Roman im Knaur-Verlag; es ist ein Paperback mit Klappenbroschur, sieht also schön aus. Das Buch umfasst 240 Seiten und kostet 14,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-426-51932-5 kann man es in jeder Buchhandlung bestellen, auch bei Versendern wie Amazon.

Die E-Book-Version kostet übrigens 12,99 Euro, sie ist unter anderem für den Kindle erhältlich. Wer sich ein wenig in die Übersetzung einlesen möchte, die von Oliver Plaschka stammt – bekannt auch als Autor von PERRY RHODAN NEO –, findet auf der Internet-Seite des Verlages eine Leseprobe.

Klaus N. Frick

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