Die Redaktion empfiehlt: »Manos Kelly – die Gesamtausgabe« von Antonio Hernández Palacios

22.07.2016 08:30 von vpm

Ein Western mit phantastischen Bildern

Die Wüste glüht in einem fiebrigen Rot: schroffe Felsen, grelle Sonne, flirrende Luft. Durch diese Atmosphäre bewegen sich kämpfende Indianer, weiße Banditen, Soldaten und Farmer. Richtig – das ist der Wilde Westen! Doch nie hat man ihn so bunt und so von Farben überquellend gesehen wie in der kurzlebigen Comic-Serie »Manos Kelly«.

»Manos Kelly  – Gesamtausgabe«Der Name der Serie dürfte im deutschsprachigen Raum vor allem den älteren Lesern noch etwas sagen. Veröffentlicht wurden die Comics hierzulande erstmals in der Zeitschrift »Primo« sowie in einem Comic-Album. Die insgesamt vier Bände und eine Kurzgeschichte sind im vergangenen Jahr in einer gelungenen Gesamtausgabe erschienen.

Antonio Hernández Palacios war der Schöpfer der Serie, die zu ihrer Zeit beeindruckte und die ein wenig in Vergessenheit geriet. Der spanische Comic-Künstler war 1921 geboren worden und starb bereits im Jahr 2000. Er illustrierte Romane, arbeitete in der Werbung und malte Filmplakate; das alles schien auf seine Comics abzufärben. Diese waren stets eigenständig und hatten eine Bildsprache, die sich stark von den Bildgeschichten der Kollegen unterschied – allein dadurch blieben die Serien, die Palacios schuf, über Jahrzehnte in meinem Gedächtnis.

Will man es genau nehmen, ist »Manos Kelly« mit einem Italowestern zu vergleichen. Palacios wollte mit seinem Comic einen spanischen Westernhelden präsentieren, der nicht sauber und ordentlich wirkt wie andere Helden, sondern fast immer abgerissen und schmutzig durch die Landschaft reitet. Ob in der flimmernden Hitze der Wüste, in der klirrenden Kälte der Berge oder in den Goldgebieten von Kalifornien – die Abenteuer von Manos Kelly, dem Helden der Geschichte, werden stets sehr ernsthaft erzählt.  

Aber machen wir uns nichts vor: Als Erzähler war Palacios nie so bedeutend wie als Zeichner. An »Manos Kelly« begeistern einen nicht die Geschichten, sondern es sind die Bilder, die einen faszinieren – das war in den 70er-Jahren so, und das hat sich im Jahr 2016 nicht geändert. Manche seiner Bilder sehen aus, als wollte er einen fremden Planeten vorstellen.

Stark sind auch die Schwarzweiß-Bilder. Sie zeigen, dass Palacios auch ohne Farbe tolle Zeichnungen lieferte; die Farben machen sie allerdings erst lebendig. »Manos Kelly« zeigt, dass es sich bei dem Künstler um einen Mann handelte, der in Details und Farben schwelgte, der Realität mit allem Schmutz und Dreck abzubilden versuchte.

Diese Gesamtausgabe einer klassischen Western-Serie hat mich umgehauen; so gut hatte ich die Bilder nicht mehr in Erinnerung. Es lohnt sich, »Manos Kelly« wiederzuentdecken, und er passt erstaunlich gut in den Avant-Verlag, in dem ansonsten vor allem »anspruchsvolle« Bildgeschichten erscheinen. Man muss übrigens kein Western-Fan sein, um die Bilder toll zu finden ...

Wer sich von der grafischen Opulenz der einzelnen Seiten überzeugen möchte, schaue sich die Leseprobe an. Auf seiner Internet-Seite zeigt der Avant-Verlag verschiedene Comic-Seiten in schwarzweiß und in Farbe sowie redaktionelle Seiten.




Klaus N. Frick

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