Die Redaktion empfiehlt: »Lagune« von Nnedi Okorafor

30.03.2017 08:00 von vpm

Science Fiction und westafrikanische Mythen

Die Schriftstellerin Nnedi Okorafor zählt zu jenen, die in den vergangenen Jahren neue Impulse in die amerikanische Science Fiction brachten. Sie gewann mehrere Preise für Romane und Novellen, und das innerhalb kürzester Zeit. Als Kind nigerianischer Einwanderer bringt sie immer wieder afrikanische Themen in ihre Werke ein. Ein schönes Bespiel dafür ist der Roman »Lagune«, der im Herbst 2016 in den deutschsprachigen Buchhandel kam.

Der Roman spielt in Lagos, der nigerianischen Hafenstadt. Wie groß die Metropole ist und wie viele Einwohner sie hat, weiß niemand so genau – Lagos hat rund 14 Millionen Einwohner, ist damit die größte Stadt in Afrika und eine der größten Städte der Welt. Reichtum und Armut paaren sich, die vielen Probleme des bevölkerungsstärksten Landes in Afrika ballen sich hier auf engstem Raum zusammen. Und ausgerechnet in Lagos scheinen sich die Außerirdischen einzufinden.

Zumindest entwickelt sich etwas entlang der Küste. Drei unterschiedliche Menschen treten in Kontakt zu einer unbekannten Macht, eine Frau entsteigt den Fluten des Atlantischen Ozeans und teilt ihr Leben mit den Menschen. Unheimliche Dinge geschehen, auch die uralten Götter Westafrikas scheinen sich zu manifestieren – und bevor man sich's versieht, bricht das Chaos in Lagos aus, angetrieben durch Smartphones und Computer, die mit ihren Bildern und Videos die Ereignisse in der ganzen Welt bekannt machen.

tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Lagune.jpgSoweit der Ausgangspunkt für einen ungewöhnlichen Roman. Eine Begegnung der Dritten Art ist in der Science Fiction alles andere als neu; Nnedi Okorafor macht daraus aber eine Geschichte, wie man sie so noch nie gelesen hat. Die Aliens sind wirklich fremdartig, auch wenn sie sich eine menschliche Gestalt geben. Die uralten Mächte unter Lagos, die im Verlauf des Geschehens erwachen, sind teilweise bösartig und noch viel fremder als die Außerirdischen. Und die größte Gefahr geht sowieso von den Menschen aus, die angesichts der Aliens nicht unbedingt klug handeln.

Der Roman erzählt seine Geschichte zwar linear, zerfällt zeitweise aber in eine Vielzahl von Erzählperspektiven und Kapiteln. Ein Soldat und eine Meeresbiologin, ein christlicher Bischof und eine Prostituierte, ein Rapper und eine schlichte Hausdienerin – das sind die Protagonisten des Romans. Dazu kommen randalierende Banditen, christliche Fanatiker, ein schwerkranker Präsident, gewalttätige Soldaten oder bettelnde Kinder: Die Autorin entwirft in ihrem vielschichtigen Roman ein Panoptikum des Lebens und des Überlebens in einer monströs wirkenden Stadt.

Doch das Bild, das sie von Lagos entwirft, ist nicht nur negativ. Sie verschweigt nicht die Probleme, die sich aus krasser Armut und hoher Korruption ergeben, zeigt aber auch positive Beispiele für Menschen, die sich um andere kümmern. Sie zeigt die Stadt als quirlige Metropole, in der unaufhörlich Bewegung herrscht. Das alles verbindet sich mit den seltsamen Außerirdischen und den fast wie Fantasy-Figuren auftretenden einheimischen »Monstern«.

Anfangs hatte ich mit dem Roman und seinen vielen Perspektiven meine Probleme. Dann aber zogen mich seine Figuren und die Handlung in ihren Bann, und ich ließ mich bereitwillig auf diese Begegnung der Dritten Art ein. Die Geschichte steigert sich langsam, und wenn man sich mit den Figuren angefreundet hat, nimmt die Handlung immer mehr an Fahrt auf. Danach wollte ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen.

Wer eine originelle Sichtweise mag, ist hier absolut richtig: »Lagune« ist sicher einer der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Romane, die 2016 in deutscher Sprache veröffentlicht worden sind – eine absolute Empfehlung!

»Lagune« erschien als schön gestaltetes Taschenbuch im Verlag Cross Cult, umfasst 370 Seiten und kostet 18,00 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-86425873-2 kann der Roman in allen Buchhandlungen bestellt werden, auch bei Versendern wie Amazon.

Wer mag, kann »Lagune« auch digital lesen. Das E-Book gibt es unter anderem für den Kindle, es kostet 9,99 Euro. Und wer sich unter alledem noch nichts vorstellen kann, checke die Leseprobe auf der Seite des Cross-Cult-Verlages.

Klaus N. Frick

Zurück