Die Redaktion empfiehlt: »Hundert-Dollar-Küsse« von Kurt Vonnegut

26.07.2013 08:17 von vpm

Lakonisch-wunderbare Kurzgeschichten

Auch wenn er seine Texte selbst nie der Science Fiction zuordnen wollte, zählt Kurt Vonnegut doch zu jenen Autoren, die in den 60er- und 70er-Jahren hervorragende phantastische Texte veröffentlichten. Bekannt wurde er allerdings mit Werken wie »Schlachthof 5«,  in dem er seine Erfahrungen als Kriegsgefangener in Dresden während des Zweiten Weltkriegs verarbeitete; dazu kamen zahlreiche Kurzgeschichten.

Das Buch »Hundert-Dollar-Küsse« fasst sechzehn dieser Paperback: »Hundert-Dollar-Küsse« von Kurt VonnegutGeschichten zusammen, die von dem preisgekrönten Übersetzer Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen worden sind. Um es gleich vorwegzunehmen: Sieht man von einem Text ab, in dem sich ein Mann fast in seinen Kühlschrank verliebt, enthalten die Geschichten keinerlei phantastische Anteile.

Meist greifen die Geschichten ins »wahre Leben«, nehmen Elemente von »echten Menschen« auf und machen daraus eine packende Geschichte. In »Die Mädels aus dem Schreib-Pool«, einer meiner Lieblingsgeschichten, geht es um eine junge Frau, die in einer riesigen Fabrik arbeitet. In einem sogenannten Mädels-Pool tippt sie den ganzen Tag über Texte ab. Auf einem der Bänder, die sie hört, vernimmt sie die Stimme eines geflüchteten Gangsters, der sich in einer der Fabrikhallen versteckt und kurz vor dem Verhungern ist. Er fleht sie auf diesem ungewöhnlichen Weg um Hilfe an, und seine Stimme frisst sich buchstäblich in ihr Gehirn.

Die Titel gebende Geschichte selbst besteht nur aus Dialogen, aus einem Polizeiverhör gewissermaßen, in dem die Hintergründe einer Prügelei herausgearbeitet werden. In »Die Schaumschläger« streiten sich die Frauen von zwei unterschiedlichen Malern und fordern ihre Männer zu einem künstlerischen Wettstreit auf, der die halbe Stadt mitreißt. Andere Geschichten thematisieren Weihnachten, Ehestreit oder den langen Traum eines Mannes, der seinem künstlerischen Vater nacheifern möchte.

Das alles ist sauber erzählt, macht bei der Lektüre eBook: »Hundert-Dollar-Küsse« von Kurt Vonnegutdurchaus nachdenklich und unterhält hervorragend. Ganz nebenbei vermitteln die Geschichten einen Einblick vom Leben durchschnittlicher Amerikaner, die in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts lebten, arbeiteten und starben. Vonnegut wirft einen durchaus augenzwinkernden Blick auf seine Protagonisten, nimmt sie allerdings in jeder Phase ernst – dadurch entsteht bei jeder Geschichte eine Beziehung zwischen Leser und Hauptfigur.

Die Geschichten sind direkt: Kurt Vonnegut versucht sich nicht in seitenlangen Anspielungen, wie sie vor allem in der heutigen »ernsthaften« Literatur üblich sind; seine Figuren handeln, anstatt sich anzuschweigen, und es passiert immer etwas.

Die Geschichten sind skurril: Fast alle Figuren sind auf ihre Art schräg, sie sind vom Leben gebeutelt, oder sie kämpfen um ihren Platz in der Gesellschaft.

Die Geschichten sind schlicht: Hat man eine Vonnegut-Kurzgeschichte ausgelesen, schwingt sie im Leser unweigerlich nach, bleiben Bilder und Zitate im Gedächtnis – gleichzeitig sind sie so direkt erzählt, dass kaum Fragen beim Leser übrig bleiben.

Ich war sehr beeindruckt von den sechzehn Kurzgeschichten; jede von ihnen ist gut bis sehr gut. Sprachlich sind sie in hervorragender Weise ins Deutsche übersetzt worden; manchmal wirken sie ein bisschen altertümlich, was aber passt: Schließlich stammen sie ursprünglich aus den 50er- und 60er-Jahren, und das ist schon eine Weile her.

Wer Kurzgeschichten liebt – und ich hoffe, dass ich nicht der einzige bin –, für den ist Vonnegut neben Autoren wie Ray Bradbury oder Philip K. Dick einer von denen, die es für Science-Fiction-Fans zu entdecken gilt: Auch wenn seine Geschichten selten direkt mit phantastischen Elementen spielen, sind sie auf ihre Art voller Fantasie. Ein sehr gelungenes Buch!

»Hundert-Dollar-Küsse« ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Verlag Kein & Aber erschienen, umfasst 300 Seiten und kostet 19,90 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-0369-5624-4 kann das Buch in jeder Buchhandlung bestellt werden; selbstverständlich ist es auch bei Versendern wie amazon.de erhältlich.

Natürlich gibt es von dem Buch auch eine E-Book-Version, unter anderem für den Kindle. Das E-Book kostet 15,99 Euro.

 

Klaus N. Frick

Zurück