Die Redaktion empfiehlt: »Horrorstör« von Grady Hendrix

06.02.2017 09:00 von vpm

Gewalt und Schrecken in einem Möbelhaus

Allein schon die Optik des Romans »Horrorstör« verblüfft: Das Buch ist aufgemacht wie ein Katalog des Einrichtungshauses »Ikea«, angefangen vom Format über die Titelgestaltung bis hin zu den Illustrationen. Allerdings hielt mich die Gestaltung lange Zeit davon ab, den Roman zu lesen – ich glaubte, wegen der eindrucksvollen Optik könnte der eigentliche Inhalt nicht mehr überzeugen.

Ich irrte mich. Wer sich auf »Horrorstör« einlässt, bekommt einen Thriller zu lesen, der klassische Horror-Elemente aufweist und damit klar ins phantastische Genre gehört. Ganz nebenbei gibt er lesenswerte Einblicke in das Leben jener Amerikaner, die in prekären Arbeitsverhältnissen festkleben.

tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Horrorstoer.jpgHauptperson des Romans ist Amy, eine junge Frau, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft, in der sie ständig mit den Mietzahlungen im Rückstand ist, und hangelt sich überschuldet von Kredit zu Kredit. Ihre Lebensträume sind größtenteils geplatzt, und eigentlich kann sie sich eine schöne Zukunft schon gar nicht mehr vorstellen. Praktisch ununterbrochen ackert sie in zwei Jobs, und das Geld reicht nicht zum Leben.

Vor allem die Arbeit in dem Möbelhaus frustriert sie. Sie fühlt sich von Basil, ihrem Vorgesetzten, schikaniert und erkennt nicht, dass er »von ganz unten« kommt, in einem »schlechten« Vorort geboren wurde und sich nach oben gearbeitet hat.

Das macht der Autor übrigens geschickt: Ohne dass auch nur einmal der moralische Zeigefinger gezeigt wird, schafft er es, die Beziehungen im amerikanischen Arbeitsleben glaubhaft und klar zu schildern. Es ist stets unterhaltsam, er macht sich nicht über die prekären Arbeitsverhältnisse lustig und erhebt auch keine politischen Forderungen – an Amys Beispiel wird aber klar, wie klein für viele Amerikaner der »amerikanische Traum« ist.

Weil Amy so tief in den Schulden steckt, lässt sie sich auf einen ungewöhnlichen Auftrag ein. Mit Basil sowie weiteren Angestellten soll sie eine Nacht im Möbelhaus verbringen. Dort gibt es seit einiger Zeit einige unerklärliche Vorfälle, und man möchte in der Nacht die unbekannten Täter stellen, um sie dann der Polizei zu übergeben.

Doch so einfach ist das nicht. Nicht streunende Jugendliche oder obdachlose Erwachsene sind das Problem, sondern die Gefahren der Vergangenheit. Das Möbelhaus steht nämlich auf dem Grund eines alten Gefängnisses aus dem 19. Jahrhundert, in dem raue Sitten herrschten. Die Opfer von damals stecken praktisch immer noch im Gemäuer – und wer so leichtsinnig ist, in dem Gebäude eine Nacht zu verbringen, kann auch im »Hier und Jetzt« den puren Horror erleben ...

Ganz klar: Recht schnell wird »Horrorstör« zu einem Horror-Roman. Die labyrinthischen Gänge in dem Möbelhaus eröffnen den Zugang zu dem alten Gefängnis, dort warten Angst und Schrecken auf Amy und ihre Kollegen. Es wird bei diesen Szenen dann recht drastisch, wenngleich Splatter-Szenen völlig ausbleiben.

Die entsprechenden Horror-Szenen sind sogar recht skurril: So wird beispielsweise ein ganz spezieller Schrank zum Gefängnis. Weil aber Amy weiß, wo die Schwachstellen an diesem Möbelstück sind, ist sie recht schnell in der Lage, einen Ausweg aus der Misere zu finden ...

Machen wir uns nichts vor: »Horrorstör« ist alles andere als ein anspruchsvoller Roman. Die Handlung verläuft geradlinig, alles ist – trotz aller Horror-Elemente – sehr klar und eindeutig. Aber der Roman macht Spaß, und das liegt nicht nur an den gelungenen Illustrationen und an dem ausgesprochen hübschen Design. Die Optik verleiht sogar dazu, sich das eine oder andere Kapitel noch einmal anzuschauen ...

Großartige Unterhaltung auf jeden Fall, absolut geeignet für einen kalten Sonntagmittag. Ich kann das Buch all jenen empfehlen, die sich gerne von einem rasanten Schmöker unterhalten lassen wollen.

»Horrorstör« ist bereits im September 2015 erschienen – und weil es so außergewöhnlich aussieht, schmückt es ein Bücherregal auf jeden Fall. Es ist 276 quadratische Seiten stark und kostet 16,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-426-51722-2 kann man es in jeder Buchhandlung bestellen, auch bei Versendern wie Amazon. (Auf der Internet-Seite des Verlages steht eine Leseprobe zur Verfügung.)

Es gibt selbstverständlich auch eine digitale Version – wie die Optik des Buches auf einem E-Reader aussieht, kann ich leider nicht sagen. Lieferbar ist das E-Book unter anderem für den Kindle; es kostet 14,99 Euro.

Klaus N. Frick

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