Die Redaktion empfiehlt: »Handbuch für Detektive« von Jedediah Berry

02.08.2013 08:11 von vpm

Abgefahren, phantastisch und genial

Charles Unwin ist Schreiber in einer Agentur – so wird sein Arbeitgeber pauschal bezeichnet. Das mysteriöse Unternehmen residiert in einem riesigen Gebäude, das in einer großen Stadt am Meer steht. In der Agentur sind Detektive tätig, die nichts anderes tun, als das Verbrechen in der Stadt zu bekämpfen. Die Berichte dazu verfassen die Schreiber; danach gehen die Berichte in ein Archiv, von dem weder die Schreiber noch die Detektive wissen, wo es sich befindet. Direkten Kontakt zwischen Schreibern, Archivaren und Detektiven gibt es nicht, man verkehrt über Boten, und über ihnen thronen die Wächter, über die niemand etwas Konkretes weiß.

Klingt das verwirrend? Ja, tut es – und doch ist es der Ausgangspunkt für den phantastischen Roman »Handbuch für Detektive«, den der amerikanische Autor Jedediah Berry als Erstlingswerk verfasst hat. Vorher veröffentlichte er zahlreiche Kurzgeschichten in amerikanischen Fantasy-Magazinen, er arbeitet zudem in einem kleinen literarischen Verlag. Mit seinem »Handbuch für Detektive« legte er einen Roman vor, der mich fasziniert und begeistert hat, obwohl ich – ganz ehrlich! – bis gegen Ende nicht alles kapierte.

Das liegt unter anderem daran, weil sich in diesem Roman Träume Jedediah Berry: »Handbuch für Detektive«und Realitäten ständig vermischen. Das Universum, in dem das ganze spielt, erinnert an eine Mischung aus Steampunk und einem Kafka-Roman, mit riesigen Gebäuden und labyrinthischen Gängen durch verwirrende Keller, mit klappernden Schreibmaschinen und monströsen Dampffahrzeugen, die durch die Straßen rollen, mit Menschen, die schlafwandelnd durch die Straßen irren und beim Arbeiten leise schnarchen, mit tickenden Weckern, die gesammelt werden, damit sie niemanden mehr aufwecken können ...

Wer welchen Hut trägt, ist in dieser seltsamen Welt ebenso wichtig wie eine möglichst unklare Kommunikation. Und die Kämpfe, die von der Agentur mit einem geheimnisvollen Zirkus und seinem Meisterverbrecher ausgetragen werden, spielen in einer Welt der Träume, bei denen es darum geht, Einfluss auf Menschen zu gewinnen. Im »Handbuch für Detektive« spielen Träume in Träumen, werden Ermittlungen in Träumen geführt und wechseln Menschen die jeweiligen Welten – das alles ist oftmals verwirrend, aber stets faszinierend und spannend.

Mit Charles Unwin betritt auf jeden Fall ein Detektiv wider Willen die literarische Bühne. Der unfreiwillige Detektiv, der nichts anderes möchte, als wieder ein harmloser Schreiber zu sein, arbeitet sich immer tiefer in einen Fall ein. Eigentlich soll er den Meisterdetektiv Sivart finden, stattdessen wird er mit schönen Frauen, alten Geheimnissen und monströsen Intrigen konfrontiert. Eigentlich will er sein Leben beibehalten, weiterhin jeden Tag mit seinem Rad zur Arbeit fahren und mit nassen Socken sowie quietschenden Schuhen durch die Gänge gehen – aber das kann er nicht mehr ...

»Handbuch für Detektive« ist kein Science-Fiction-Roman, sondern ein literarisches Wechselspiel, für meine Begriff ein brillanter Roman. Jedediah Berry hatte beim Schreiben sicher seinen Spaß: Viele Namen wirken doppeldeutig, viele Szenen wirken wie Zitate aus anderen Werken. Ich fand den Roman genial und bin sicher, dass es auch andere Leser so empfinden werden; man muss sich allerdings darauf einlassen, nicht alles zu verstehen und manches einfach hinzunehmen.

Die Hardcover-Ausgabe des Romans erschien bereits 2010 im Verlag C.H. Beck; die Taschenbuch-Ausgabe liegt seit dem Sommer 2012 bei btb vor. Beide Ausgaben sind 384 Seiten stark. Das Taschenbuch ist mithilfe der ISBN 978-3-442-74375-9 zu erhalten und kostet 9,99 Euro; man bekommt es überall im Buchhandel, aber auch bei Versendern wie amazon.de.


Hier geht's zur Leseprobe auf der Seite des C.H. Beck Verlags:



Klaus N. Frick

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