Die Redaktion empfiehlt: »Grandville« von Bryan Talbot

12.05.2014 08:10 von vpm

Phantastischer Comic der Extraklasse

Vor drei Jahren fielen sie mir in einem Comic-Laden in London auf: zwei Hardcover-Bände mit rotem Umschlag, die Innenseiten sensationell farbig und auf tollem Papier gedruckt – es waren die Comics »Grandville« sowie »Grandville Mon Amour«, beide geschrieben und gezeichnet von Bryan Talbot. Mittlerweile erscheint die Serie auch in deutscher Sprache, zuletzt kaufte ich mir den dritten Teil, der als »Grandville de Luxe« veröffentlicht worden ist.

DGrandville 1er Künstler war mir schon seit langem bekannt. In den neunziger Jahren hatte ich seine vierbändige Comic-Serie »The Tale of One Bad Rat« gekauft, damals in vier wunderschönen Heften. Die Serie liegt mittlerweile als deutschsprachiges Paperback vor, und ich finde den Comic um ein Mädchen, das vor seinen Eltern flieht, immer noch beeindruckend. Der Begriff »Graphic Novel« passt hier: Es ging und geht um Kindesmisshandlung und die Macht der Poesie, nicht um irgendwelche Superhelden ...

Bei »Grandville« geht Talbot in eine ganz andere Richtung. Er entführt die Leser in eine Welt, in der sprechende Tiere die Hauptrolle spielen und in der Menschen verzweifelt um ihre Rechte kämpfen. Gleichzeitig aber erzählt er eine Steampunk-Geschichte reinsten Wassers.

Der Hintergrund für alle drei Bände: Im 19. Jahrhundert haben es die Engländer endlich geschafft, sich von der französischen Tyrannei zu befreien. Detective Inspector LeBrock, ein aufrechtgehender Hund, und sein Begleiter, eine Ratte namens Roderick Ratzi, werden von Scotland Yard für einen ungewöhnlichen Fall nach Grandville geschickt – also direkt nach Paris. Sie verlassen die Sozialistische Republik von Britannien und nehmen ihre Arbeit in der Hauptstadt des Feindes auf.

AllGrandville 2 - Mon amoure drei Comic-Bände sind lupenreine Krimis. Die beiden Polizisten ermitteln im Politik- oder im Prostituierten-Milieu; sie gehen gelegentlich mit der Faust oder mit der Schusswaffe in den Einsatz, und an Brutalität wird nicht gespart. Schön sind gelegentliche Anspielungen, etwa auf die Comic-Messe in Angouleme, auf deutsche Industrielle oder französische Künstler.

Was als Geschichte schon super erzählt ist, wird durch Bryan Talbots Erzählweise zu einem echten Kunstwerk: Jedes Bild könnte für sich stehen, jedes ist toll gezeichnet und vermittelt den Eindruck einer geheimnisvollen Welt. Seltsam altmodische Roboter spazieren durch die Straßen von Paris, eine riesige Eisenbahnbrücke überquert den Ärmelkanal, irrwitzig wirkende Wissenschaftler forschen in die unmöglichsten Richtungen ...

Die Zeichnungen sind mal verspielt, mal klar und eindeutig; die Vermengung von Tieren und Menschen finde ich geglückt. Der Künstler spielt mit dem Verfremdungseffekt, indem er in seinem Comic-Universum die Menschen gegen die Unterdrückung durch die Tiere aufbegehren lässt – das ist spannend erzählt und toll gezeichnet, und ich hoffe, dass noch weitere Bände kommen werden. 


Alle dGrandville 2 De Luxerei Bände sind als schöne Comic-Hardcover im Verlag Schreiber & Leser erschienen; sie umfassen 104 vierfarbige Seiten und kosten jeweils 24,80 Euro. »Grandville 1« hat die ISBN 978-3-941239-87-6, »Grandville 2 – Mon Amour« ist mit der ISBN 978-3-943808-03-2 lieferbar, und »Grandville 3 – De Luxe« kann mithilfe der ISBN 978-3-943808-18-6 bestellt werden.

Wer sich mehr mit der Serie beschäftigen möchte, sollte die Internet-Seite von Schreiber & Leser aufsuchen. Dort gibt es nicht nur Trailer zu der Serie, sondern auch kostenlose Leseproben zu den einzelnen Bänden.

Klaus N. Frick

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