Die Redaktion empfiehlt: »Gondwana« von Simon Urban

12.05.2015 08:15 von vpm

Auf der Insel der Religionen

Um es vorwegzunehmen: Für mich war »Gondwana« einer der skurrilsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Science-Fiction-Romane des Jahres 2014; ich habe den Roman von Simon Urban auch für den Kurd-Lasswitz-Preis nominiert. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass der Autor »grob« argumentiert und seine Science-Fiction-Idee eher dünn ist – was Simon Urban aber aus alledem macht, das hat mir gut gefallen.

D»Gondwana« von Simon Urbanoch der Reihe nach ...

Science Fiction ist für manche Autoren eine Versuchsanordnung. Man legt Eckpunkte fest und erarbeitet auf dieser Basis eine Handlung. Eckpunkte können sein, dass es überlichtschnelle Raumfahrt und Mutanten gibt, andere Eckpunkte sind beispielsweise eine Zeitreise oder fremdartige Methanatmer. Wenn man so mit der Science Fiction spielt, ist das Genre sehr attraktiv für Autoren, die eigentlich nicht mit dem Genre verhaftet sind, gern aber auf originelle Weise an Themen herantreten.

Genau das macht Simon Urban in »Gondwana«. Gondwana wird in diesem Roman, der in einer nahen Zukunft spielt, zu einer Insel in der Südsee. Dort haben sich die oft so zerstrittenen Weltreligionen darauf geeinigt, einen gemeinsamen Raum einzunehmen. Muslime, Christen und Juden bevölkern das offensichtliche Utopia, in dem nach außen hin alles perfekt zu sein scheint.

Dann aber geschieht ein Mord, ausgerechnet an einer Führungsperson der Insel. Unter streng geheimen Bedingungen wird ein Ermittler beauftragt; er soll den Mord aufklären, ohne religiöse Gefühle zu verletzen. Dummerweise schickt man aber einen überzeugten Atheisten, einen Mann, der es zudem darauf anlegt, jeden religiösen Gedanken mit bitterem Spott zu übergießen.

Der Ermittler ist zugleich der Ich-Erzähler des Romans; kein sympathischer Mensch, sondern eher eine Person, die unaufhörlich motzt und mault. Damit nervt er nicht nur die seltsam verdreht wirkenden Bewohner Gondwanas, sondern auch die Leser ... das Gemotze und der dauernde Spott sind zwar unterhaltsam, gehen aber zu sehr in die Breite.

Immerhin aber wird der Leser durch einen ungewöhnlichen Wechsel in der Erzählperspektive überrascht; die Lektüre ist alles andere als eingleisig. Mit seinen originellen Charakteren und seiner Handlung, die zwischen ernsthaft und irrsinnig wechselt, hat mich der Roman auf jeden Fall gepackt. Das wird nicht bei jedem Leser gelingen ...

Simon Urban liefert mit seinem »Gondwana« eine Mixtur aus rotzigem Krimi, religionskritischem Popkultur-Roman und schräger Science Fiction, die ich im deutschsprachigen Raum so noch nie gelesen habe. Ein solcher Mix hat Seltenheitswert, und die Story ist unterhaltsam – das sind Argumente, die eindeutig für den Roman sprechen. Wer es darüber hinaus schätzt, dass ein Roman mithilfe von Comics illustriert wird, dürfte hier seinen Spaß haben; gelegentlich wird die Geschichte durch Zeichnungen von Ralph Niese aufgelockert oder »anders« erzählt.

Ich habe die 384 Seiten des Romans mit großem Vergnügen gelesen. Erschienen ist das Werk im Schöffling-Verlag als Hardcover mit Schutzumschlag; es kostet 22,95 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-89561-196-4 kann man es überall im Buchhandel bestellen, ebenso bei Versendern wie Amazon.

Es gibt selbstverständlich auch eine digitale Version des Romans, unter anderem für den Kindle. Das E-Book kostet 17,99 Euro.


Klaus N. Frick

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