Die Redaktion empfiehlt: »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« von Christoph Marzi

09.10.2013 08:20 von vpm

Literarisch-phantastischer Liebesroman

In den vergangenen Jahren hat sich Christoph Marzi durch eine Reihe von phantastischen Romanen einen sehr guten Namen bei Fantasy-Fans erarbeitet. Mit »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« verlässt der Autor die eigentliche Fantasy und liefert stattdessen einen echten Großstadt-Roman ab. Gemeint ist eines jener Werke, in denen die Stadt selbst zur Hauptfigur zu werden scheint – mit einem phantastischen Element ist allerdings auch das neueste Marzi-Werk ausgestattet.

Hauptperson ist Faye Archer, eine junge Frau, die in »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« von Christoph MarziBrooklyn arbeitet und wohnt. Sie ist eigentlich Musikerin und tritt gelegentlich in kleinen Clubs auf. Daneben arbeitet sie in einer Buchhandlung, die eine schöne Mischung aus anspruchsvoller Literatur und Comics bietet. Wenn Faye durch die Straßen geht, hat sie einen bewundernswerten Blick auf ihre Umgebung: auf die Menschen und Häuser, auf fliegende Blätter und Sonnenstrahlen. Ihr ruhiges Leben verändert sich aber auf einen Schlag, als sie in der Buchhandlung auf den Comiczeichner Alex Hobdon trifft.

Christoph Marzi erzählt in seinem Roman eine Liebesgeschichte, die mit allerlei Hindernissen und Verwicklungen aufwartet. Das hört sich jetzt vielleicht konventionell an, macht aber auch einem Leser viel Spaß, der mit Liebesromanen ansonsten wenig anzufangen weiß. Das liegt nicht nur am phantastischen Charakter des Romans, der mit den unterschiedlichen Zeitebenen spielt, sondern auch an dem herausragenden Stil.

Der Roman liest sich sehr amerikanisch, und das ist positiv gemeint. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« stamme von einem modernen literarischen Schriftsteller und sei in die deutsche Sprache übersetzt worden. Die Sätze lassen ein New York im Kopf des Lesers entstehen, das sich »echt« anfühlt, als ob ein Autor aus Brooklyn selbst über seine Stadt schriebe. Die Formulierungen sind gefühlsbetont und vielschichtig, sie lassen Raum für schöne Schilderungen alltäglicher Dinge, die schon durch das Beschreiben wie »magisch« wirken.

Dazwischen setzt der Autor den E-Mail-Verlauf zwischen Faye und Alex; dieser ist teilweise sehr hektisch, birgt aber ebenfalls eine sprachliche Schönheit, die überzeugt. Wenn die beiden sich ausufernde Mails schreiben, buchstäblich eine Nacht hindurch miteinander chatten, ist das bei Marzi so unterhaltsam und nachvollziehbar verfasst, dass man als Leser glaubt, man sei wirklich »mittendrin«.

Das ist wahrscheinlich das beste an diesem Buch: Trotz aller sprachlichen Magie, trotz des phantastischen Hintergrundes – man steht stets mitten im Geschehen. Hier agieren Menschen, hier gibt es keine Pappcharaktere. Faye Archer und ihr Umfeld werden lebensecht geschildert und präsentiert, so dass man sowohl die Hauptfigur als auch ihr Umfeld als wirklichkeitsnah wahrnimmt.

Ich fand »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« tatsächlich brillant und habe den Roman mit wachsender Begeisterung gelesen. Die Auflösung der phantastischen Ebene fand ich am Ende ein wenig schwach, und der Abschluss des Romans überzeugte mich nicht hundertprozentig – wie Christoph Marzi aber seine junge Heldin und die große Stadt New York als seine eigentlichen Hauptfiguren präsentiert, das ist beeindruckend und mitreißend.

Der Roman ist auf eine Art anspruchsvoll, die nichts mit verkopfter Langeweile zu tun hat. Er spielt mit Elementen der Popliteratur – wenn beispielsweise ständig echte und erfundene Bands zitiert sowie Comics und Romane erwähnt werden –, ohne sich dieser anzubiedern, und er spielt mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln. Das ist toll gemacht und hat mich begeistert.

Erschienen ist »Die wundersame Geschichte der Faye Archer« als schick gemachtes Paperback mit Klappenbroschur im Heyne-Verlag. Der Roman umfasst 384 Seiten und kostet 14,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-453-52992-2 kann er in jeder Buchhandlung bestellt werden, ist aber auch über Versender wie amazon.de lieferbar. Ebenso gibt es eine E-Book-Ausgabe. Wer sich einlesen möchte, findet auf der Homepage des Heyne-Verlages eine kostenlose Leseprobe.

 

Klaus N. Frick

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