Die Redaktion empfiehlt: »Die Lieder, das Töten« von André Pilz

27.05.2015 08:10 von vpm

Bedrückend-faszinierende Endzeit-Vision

Erschienen ist der Roman »Die Lieder, das Töten« bereits gegen Ende des Jahres 2012. Mich hat er damals echt gepackt, ich habe ihn für den Kurd-Lasswitz-Preis nominiert – in der Kategorie »Bester deutschsprachiger Roman« –, aber dann vergaß ich glatt, auch eine Rezension darüber zu schreiben.

D»Die Lieder, das Töten« von André Pilzas hole ich hiermit nach; bei einem Hardcover mit Schutzumschlag ist das auf jeden Fall angebracht. Ich finde sowieso, dass mehr Menschen dieses außergewöhnliche Werk des österreichischen Schriftstellers André Pilz kennen sollten.

Wer sich für Genre-Kategorien interessiert: Dieser Roman ist insofern Science Fiction, weil er in einer nahen Zukunft spielt, und er ist insofern keine Science Fiction, weil es keine »echte« Science-Fiction-Idee gibt und das gesamte Szenario auch im »Hier und Jetzt« anzusiedeln wäre. Man kann es sich also echt aussuchen ...

Der Autor schreibt seit Jahren über Themen, die nicht einfach sind. Helden seiner Romane waren bisher beispielsweise ein rechtsradikaler Skinhead, der sich in eine »Ausländerin« verliebt, oder eine junge Frau, die als Zwangsprostituierte nach Deutschland verschleppt wird. Kein Wunder, dass es auch in »Die Lieder, das Töten« um einen harten Blick auf die Realität geht.

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, keine fünf Jahre von »heute« entfernt, und seine Schauplätze liegen in Deutschland. Nach einer Atomkatastrophe, die weite Teile des Landes betrifft, übernimmt das Militär die Kontrolle. Nach wie vor gibt es die Regierung, aber sie überlässt der Bundeswehr und diversen Organisationen eine Reihe von einflussreichen Positionen. Das riesige Gebiet rings um das Atomkraftwerk hingegen wird zum Tummelplatz krimineller Banden, seltsamer Aussteiger und flüchtiger Migranten.

In diese Region wird ein Mann geschickt. Sein Auftrag ist, den angeblichen Herrscher über das Gebiet zu finden und mit ihm in Kontakt zu treten. Doch weil er sich zwischen seinem Drogenkonsum, der stärker werdenden Strahlenverseuchung und seinen eigenen Alpträumen zerrieben fühlt, entwickelt sich der Auftrag in eine ganz andere Richtung.

André Pilz bleibt in seinem Roman nicht an der sauberen Oberfläche; er geht in die Tiefe. Mit teilweise drastischer Sprache zeigt er das Innenleben eines Agenten, der an sich und seiner Aufgabe verzweifelt. Er schildert Menschen, die kaum noch Hoffnung haben und trotzdem um ihr Überleben kämpfen. Und er gibt knallige Einblicke in eine Gegenkultur, die auf den Trümmern der Vergangenheit aufgebaut wird.

Die Lektüre dieses Romans hat mich nicht kaltgelassen, und ich bin sicher, dass es vielen Lesern ähnlich gehen wird. Sonderlich sympathisch ist einem beispielsweise nicht einmal die Hauptfigur, und die meisten anderen Figuren in diesem Roman wirken ebenfalls wenig positiv. Die intensiv erzählte Geschichte ist bei alledem stets spannend, nicht zuletzt deshalb, weil sie immer stärker zu einem Thriller wird – wer wird am Ende denn eigentlich welche Ziele erreichen?

Keine immer einfache Lektüre, aber stets lohnenswert und spannend. »Die Lieder, das Töten« von André Pilz ist als Hardcover mit Schutzumschlag im Haymon-Verlag erschienen; das Buch ist 424 Seiten stark und kostet 19,90 Euro. Bei einer Bestellung über den Buchhandel kann die ISBN 978-3-7099-7002-7 behilflich sein; Versender wie Amazon führen das Werk ebenfalls.

Zu dem Buch gibt es selbstverständlich auch eine E-Book-Ausgabe, unter anderem für den Kindle. Diese kostet 9,99 Euro.


Klaus N. Frick

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