Die Redaktion empfiehlt: »Descender 2 + 3« von Jeff Lemire / Dustin Nguyen

01.06.2017 08:00 von vpm

Großartiger Science-Fiction-Comic

Dass die großen amerikanischen Filmstudios in den vergangenen Jahren immer mehr Comics verfilmt haben, hat nicht unbedingt alle erfreut: Gelegentlich waren Science-Fiction-Fans enttäuscht von der Art und Weise, wie Geschichten für die Leinwand oder fürs Fernsehen umgesetzt worden sind. Zuletzt aber steigerte sich die Qualität vor allem der Superhelden-Verfilmungen. Deshalb kann man gespannt darauf sein, wie die Comic-Serie »Descender« als Film aussehen wird.

Schon jetzt empfiehlt es sich allerdings, die ursprüngliche Serie zu beachten. Wer sich für Science Fiction interessiert, sollte das auf jeden Fall tun. Eine spannende Geschichte mit ungewöhnlichen Wendungen, dazu eine faszinierende Optik – es ist eine lohnenswerte Space Opera, die darüber hinaus zum Nachdenken anregt. Ich besprach den ersten Band schon vor längerer Zeit, mittlerweile habe ich den zweiten und dritten Band gelesen.

tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Descender_2.jpgDie Geschichte spielt nach einem großen Krieg, der zwischen den Robotern und den Harvestern tobte, riesenhaften Robotern aus den Tiefen des Alls. Nach fürchterlichen Opfern konnten die Menschen den Krieg gewinnen. Danach entschlossen sie sich, ohne Roboter weiterzuleben, und starteten einen Vernichtungsfeldzug gegen die Maschinenwesen.

Offenbar gelang es aber nicht, alle Roboter auszurotten. Sogenannte Schrotter sind in der Galaxis unterwegs, um Roboter auszuschlachten; überall gibt es spezielle Gesetze gegen Roboter. Gleichzeitig sind die Menschen auf Maschinen angewiesen.

Das ist der Ausgangspunkt für »Descender«. Jeff Lemire, der kanadische Comic-Autor und Zeichner, hat sich in den vergangenen Jahren in fast allen Bereichen des amerikanischen Comic-Marktes bewegt. Er schrieb schräge Independent-Comics und textete Superhelden-Abenteuer. Mit »Descender« hat er ein eigenständiges Science-Fiction-Universum geschaffen, das in sich schlüssig wirkt.

Trotz aller Roboter und mächtiger Maschinen bleibt die Geschichte stets menschlich. Ein kleiner Spielzeug-Roboter wird zu einer humanistisch handelnden Maschine, gleichzeitig verhalten sich Menschen eiskalt und gemein. Bei allen Fragen um Roboter und künstliche Intelligenzen wird immer wieder klar, dass es um Menschen und ihre Gefühle geht, um moralische Entscheidungen und ein nachvollziehbares Verhalten im Angesicht einer Katastrophe.

tl_files/comic/images/news/empfehlungen/Descender_3.jpgNeben den spannenden Texten zeichnet die Serie auch der ungewöhnliche Stil der Illustrationen aus. Dustin Nguyen kommt aus der Superhelden-Branche, verzichtet bei dieser Serie aber auf knallige Action und die Darstellung dicker Oberarme. Sein Stil wirkt leicht, wenngleich nicht freundlich.

Düstere Szenarien lässt er mit Bildern lebendig werden, durch die Schwärze zu wabern scheint. Rot wird für Kleidung und Haare eingesetzt, macht dabei einzelne Szenen besonders grell. Insgesamt sind die Farben oft verwaschen, erinnern an Aquarelle; dazu kommen schwarze Linien, die absichtlich grob aussehen. Die Gegensätze zwischen dem Weltraum und seiner Unendlichkeit und einem sterilen Labor arbeitetet der Künstler klar heraus. Gesichter und technische Gegenstände erhalten – trotz aller Skizzenhaftigkeit – viele eindrucksvolle Details.

Mit »Descender« haben die beiden ein anspruchsvolles Science-Fiction-Abenteuer geschaffen, das auf manchen Seiten harmlos wirkt, aber eine höchst komplexe Geschichte erzählt. Alle drei Bände, die bisher veröffentlicht worden sind, lohnen eine Lektüre. Erschienen sind sie als schöne Hardcover im Splitter-Verlag; allerdings nicht im klassischen Album-Format, sondern im Format eines amerikanischen Comics.

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Klaus N. Frick

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