Die Redaktion empfiehlt: »Descender 1« von Jeff Lemire / Dustin Nguyen

05.07.2016 08:20 von vpm

Sterne und Roboter

Dass es in ferner Zukunft einen großen Krieg zwischen den Menschen und riesenhaften Robotern gibt, ist in der Science Fiction nicht sonderlich neu. Der kanadische Comic-Autor und Zeichner Jeff Lemire zeigt in seiner Serie »Descender« allerdings, dass man auch eine alte Idee mit modernen Mitteln so erzählen kann, dass sie heutige Leser fasziniert. Der erste Band von »Descender« liegt hierzulande bereits vor, und ich habe ihn gelesen – insgesamt werden es vier Bände werden.

Jeff Lemire / Dustin Nguyen: Descender 1Die Geschichte, die anfangs ein wenig verschachtelt wirkt, spielt nach einem großen Krieg. Gigantische Roboter, die sogenannten Harvester, kämpften gegen die Menschheit, und zahllose Menschen starben dabei. Nachdem der Krieg vorüber war, entschlossen sich die Menschen, Roboter als gefährliche Wesen einzustufen; sie wurden großmaßstäblich vernichtet.

Doch der kleine Roboter Tim-21 ist eines der Maschinenwesen, das »überlebt« hat. Der Roboter hat nicht nur das Aussehen eines kleinen Jungen, er verhält sich auch so. Wie sich aber herausstellt, stecken in seinem Quellcode klare Bezüge zu den Harvestern. Es tun sich Zusammenhänge auf, die die Menschen geradezu elektrisieren. Tim-21 wird zu einem Thema für experimentierfreudige Wissenschaftler ...

Soweit der Ausgangspunkt für eine klassische Science-Fiction-Geschichte: Roboter und Raumschiffe spielen eine wesentliche Rolle, es gibt unterschiedliche Planeten und Kulturen – das Kreativteam von »Descender« nutzt die gesamte Spielwiese der Science Fiction aus. Das wird gut erzählt und noch besser gezeichnet.

Als Comic-Künstler ist mir Jeff Lemire seit einigen Jahren gut bekannt. Seine Serie »Essex Country« machte mit einem eigenständigen Zeichenstil und einer ungewöhnlichen Geschichte klar, dass Lemire eigentlich aus der »Independent«-Szene kommt und mit den großen Comic-Verlagen nicht so viel zu tun hat. Mit der ungewöhnlichen Science-Fiction-Endzeitserie »Sweet Tooth« zeigte er, dass er auch ein größeres Publikum mit seinen Geschichten erreichen kann – und das sowohl gezeichnet als auch geschrieben.

Seit einiger Zeit ist er vor allem als Autor tätig, hat sich bei Superhelden-Geschichten ein hohes Maß an Routine erarbeitet. Das wirkt sich bei »Descender« durchaus positiv aus: Das Science-Fiction-Abenteuer um kindlich wirkende Roboter ist spannend, die Figuren handeln nachvollziehbar, und man ist als Leser auf die Fortsetzung neugierig.

Die Geschichte kommt nur langsam in Fahrt, doch dann wird sie packender: Jeff Lemire lässt sich Zeit, sein Szenario aufzubauen und die interstellaren Verwicklungen darzustellen. Durch schnelle Szenenwechsel schafft er zusätzliche Spannung – er blendet mal in die Vergangenheit, dann in die »Traumwelt« seines robotischen Helden um.

Aber es sind vor allem die Zeichnungen von Dustin Nguyen, die mir sehr gut gefallen haben. Auch wenn dieser Künstler bei den Superhelden-Comics sein Geld verdient, hat er sich bei »Descender« auf einen sehr leicht wirkenden Stil verlegt. Seine Zukunfts-Welt wirkt mit den aquarellhaften Farben und den feinen Schwarzweiß-Linien nicht streng und technisch, sondern freundlich und positiv. Es macht Spaß, die Bilder anzuschauen und dann beispielsweise die Gegensätze zwischen Weltraum- und Labor-Szenen wahrzunehmen. Vor allem die roten Haare der weiblichen Hauptfigur schreien geradezu aus den Seiten heraus, während der kleine Roboter in seiner Verletzlichkeit wie ein sechs Jahre alter Junge wirkt.

Jeff Lemire und Dustin Nguyen haben mit »Descender« einen Comic geschaffen, den sich Science-Fiction-Fans unbedingt anschauen sollten. (Die Leseprobe gibt hier eine Entscheidungshilfe.) Erschienen ist der erste Band von »Descender« als schönes Hardcover im Splitter-Verlag; allerdings nicht im klassischen Album-Format, sondern im Format eines amerikanischen Comics.

Das Buch ist 144 Seiten stark; mithilfe der ISBN 978-3-95839-166-6 kann man es in jeder Buchhandlung bestellen, selbstverständlich auch bei Versendern wie Amazon. Der Comic-Band kostet 22,80 Euro.


Klaus N. Frick

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