Die Redaktion empfiehlt: »Der wilde Kontinent« von Keith Lowe

07.04.2016 08:25 von vpm

Zeitgeschichte mit extrem realistischem Blick

Im Jahr 2015 war der Zweite Weltkrieg schon seit siebzig Jahren vorbei. Das Thema beschäftigte trotzdem Millionen von Menschen: Es wurde an das Kriegsende erinnert, es erschienen Filme und Bücher zum Krieg und seinen Auswirkungen. Ein Sachbuch, das ich aufgrund vieler positiver Besprechungen interessant fand, kaufte ich – und ich war ziemlich beeindruckt: »Der wilde Kontinent« des britischen Historikers Keith Lowe beschäftigt sich nicht mit dem eigentlichen Krieg, sondern mit den Jahren 1945 bis 1948, also dem größten Teil der »Zeit danach«.

»Der wilde Kontinent« von Keith LoweAls jemand, der sich mit der Geschichte des sogenannten Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hatte, wusste ich einigermaßen Bescheid über die Ereignisse im Deutschen Reich. Ich kannte die Berichte von den Vernichtungslagern, ich wusste von den Vertreibungen und Vergewaltigungen, ich ahnte von den schrecklichen Ereignissen des Jahres 1945. Aber mir war beispielsweise nicht bekannt, in welchem Ausmaß es zwischen Polen und Ukrainern zu fürchterlichen Kämpfen kam, und ich hatte den Bürgerkrieg in Griechenland überhaupt nicht im Bewusstsein.

Lowe schildert all diese Ereignisse und macht mit seinem Buch klar, wie schrecklich und traumatisierend die Nachkriegszeit für zahlreiche Menschen war. Überall in Mitteleuropa zogen Trecks durch die Lande: flüchtende Deutsche aus dem Osten, ehemalige »Fremdarbeiter« aus den deutschen Lagern, die Überlebenden der Vernichtungslager, Ausgebombte und Kriegsgefangene. Für all diese Menschen gab es nicht genügend Nahrung, Unterkünfte oder irgendwelche sozialen Standards.

Fast überall herrschte das Recht der Stärkeren, wurden die Schwächeren schikaniert oder totgeschlagen, trieben selbst ernannte Rächer ihr Unwesen oder organisierten irgendwelche Banden die Abläufe in ihrer jeweiligen Region. Es dauerte Jahre, bis aus dem Chaos der jeweiligen Nachkriegszeit neue Staatsordnungen entstehen konnte.

Liest man Lowes Buch, wundert man sich, dass sich aus den Trümmern des verbrannten Kontinents überhaupt die Europäische Union entwickeln konnte. Dass das Projekt eines vereinten Europa ausgerechnet in den Jahren, in denen sich das Kriegsende zum siebzigsten Mal jährte, auf eine stark Bewährungsprobe gestellt wurde, die nach wie vor nicht vorüber ist, müssten Historiker als befremdlich finden: Es sieht so aus, als hätten viele Menschen auf dem Kontinent zu wenig aus der Geschichte gelernt.

»Der wilde Kontinent« ist ein wichtiges Buch, weil es viele Probleme der heutigen Zeit erklärt. Und es ist ein sehr unterhaltsames Buch: Trotz aller Fakten, trotz der vielen tragischen Schicksale, die es zu beleuchten gibt, hält der Autor seine Leser durch einen angenehmen Stil bei der Stange. Das Buch ist eher journalistisch, es ist für die interessierten Laien geschrieben – und diese sollten damit gut klarkommen.

Keith Lowe hat ein Buch über die Vergangenheit geschrieben. Es sagt aber auch viel über die aktuelle Gegenwart aus – und es weist sogar in die nahe Zukunft. Selbst Leser, die sich für unpolitisch halten, sollten einen Blick riskieren.

Erschienen ist »Der wilde Kontinent« bei Klett-Cotta als Hardcover-Band mit Schutzumschlag. Das Buch umfasst 526 Seiten, es gibt zahlreiche Fotografien. Es kostet 26,95 Euro. Zu bestellen ist es überall im Buchhandel sowie bei Versendern wie Amazon; die ISBN 978-3-608-94858-5 kann dabei hilfreich sein Die E-Book-Version kostet übrigens 21,99 Euro.


Klaus N. Frick

 

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