Die Redaktion empfiehlt: »Der Kaffeedieb« von Tom Hillenbrand

16.08.2016 08:15 von vpm

Ein irrwitziges Abenteuer voller Überraschungen

Als Journalist schrieb er über die unterschiedlichsten Themen, als Schriftsteller will sich Tom Hillenbrand ebenfalls nicht auf ein einziges Thema festlegen lassen. Nachdem er mit seinen Krimis um einen Luxemburger Gastronomen schöne Erfolge feiern konnte, legte er mit »Drohnenland« einen ungewöhnlichen Science-Fiction-Roman vor.

»Der Kaffeedieb« von Tom HillenbrandIm Frühjahr 2016 erschien mit »Der Kaffeedieb« nun sein erstes historisches Werk – eine kunterbunte Abenteuergeschichte, die voller ungewöhnlicher Details steckt.

Die Handlung des Romans siedelt der Autor am Ende des 17. Jahrhunderts an. Europa ist zu dieser Zeit in zahlreiche Staaten zerfallen, die sich teilweise erbittert bekämpfen. Gleichzeitig formt sich eine Art Geistes-Elite heraus: Es sind vor allem Männer aus wohlhabenden Familien, die sich für Forschung und Wissenschaft begeistern, die sich lange Briefe schreiben und in diesen nicht nur Tratsch und Klatsch austauschen, sondern auch wertvolle Informationen vermitteln.

In dieser Zeit lebt Obediah Chabon, ein gewitzter Lügner und Betrüger, der sein Leben in Kaffeehäusern verbringt und vor allem mit Informationen handelt. Er ist mit unglaublich vielen Menschen vernetzt, korrespondiert praktisch ununterbrochen – es ist eine Art »Internet ohne Computer«, das der Autor in seinem Roman vorstellt. (Wer möchte, kann ohnehin den ganzen Roman mit all seinen chiffrierten Botschaften, seiner Geheimniskrämerei, den Agenten und Verfolgen, den politischen Verwicklungen und Irritationen mit ständigem Bezug auf unsere Gegenwart lesen.)

Weil ihm keine andere Möglichkeit bleibt, lässt sich Chabon auf einen ungewöhnlichen Auftrag ein. Er soll Kaffeesträucher stehlen und nach Europa transportieren. Nur so lässt sich das Kaffee-Monopol brechen, über das die Türken verfügen – in den Jahrzehnten zuvor hat sich Kaffee zum Luxusgetränk für die Elite Europas entwickelt. Das Dumme dabei: Die einzige Weltgegend, in der diese Sträucher wachsen, liegt auf der arabischen Halbinsel.

Chabon muss sich also quer durch Europa schlagen, dann durch den türkischen Nahen Osten reisen. Dazu benötigt er eine Vielzahl von Helfern, unter anderem einen hochbegabten Dieb – dieser muss allerdings erst einmal aus seinem Gefängnis befreit werden. Und während Chabon seine Pläne schmiedet, seine Verbündeten sammelt und die gefahrvolle Reise antritt, sind die Geheimdienste der Franzosen und der Habsburger hinter ihm her.

Der Roman entwickelt rasch einen ganz speziellen Sog. Die Handlung läuft eigentlich auf zwei Ebenen ab: Die eine ist die Abenteuergeschichte, in deren Verlauf letztlich halb Europa und das Osmanische Imperium getäuscht werden müssen. Die andere aber ist ein Agentenroman, in dem sensible Nachrichten mit Kodes versehen werden müssen – weil die jeweiligen Geheimdienste die Briefe sowieso abfangen, öffnen, kopieren, lesen und archivieren.

Dabei hat der Roman bei aller Spannung immer wieder eine ironische Note. Die Aktivitäten der Geheimdienste haben selten eine »James Bond«-Dynamik, sondern entwickeln manchmal geradezu satirische Züge. Witzig ist der Roman trotzdem nicht, sondern spannend und mitreißend. Vor allem die Figur des Obediah Chabon hat mir gut gefallen; er ist ein Betrüger und Trickser, ein Gauner, der stets seinen eigenen Zielen folgt, für seine Zeit aber sehr modern ist.

»Der Kaffeedieb« ist ganz eindeutig ein historischer Roman, aber meilenweit entfernt von der manchmal ausufernden Art und Weise, ähnliche Stoffe auszuwalzen. Es mangelt nicht an Beschreibungen und Charakterisierungen, diese werden aber immer wieder durch ironische Dialoge gebrochen. Der Roman kommt nicht als Lustspiel daher, auch nicht als Tragödie, sondern er spielt mit den Erwartungshaltungen der Leser, vermengt historische Exaktheit mit schnellen Entwicklungen.

Ich habe den Roman bei der Lektüre als »saftig« empfunden: unterhaltsam und abwechslungsreich, spannend und gelegentlich ironisch, mit einer schönen und sehr zarten Liebesgeschichte, mit unzähligen Informationen und Einschüben gespickt, schnell und flott erzählt. Womöglich ist »Der Kaffeedieb« für viele Leserinnen und Leser historischer Romane zu unkonventionell – aber mir hat er einen riesigen Spaß gemacht. Und wer ihn als Kommentar auf manche politisch-gesellschaftliche Entwicklung unserer Zeit liest, kommt sowieso doppelt auf seine Kosten.

Der Roman ist als Hardcover mit Schutzumschlag erschienen; er ist 480 Seiten stark und kostet 19,99 Euro. Mithilfe der ISBN 978-3-462-04851-3 kann er in jeder Buchhandlung bestellt werden. Selbstverständlich gibt es den Roman auch als E-Book, unter anderem für den Kindle; in dieser Version kostet er 17,99 Euro.

Darüber hinaus ist auch eine Hörbuchversion erschienen; unter anderem als gekürzte MP3-Box, die der audio media Verlag anbietet. Da ich sie nicht gehört habe, kann ich über die Qualität nichts sagen – sie wird für 14,99 Euro als Richtpreis angeboten.


Klaus N. Frick

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