29. Juni 2004
Pauls Keller sieht aus wie ein Schlachtfeld. Auf dem Tisch stapeln sich alle möglichen Hefte und Bücher - hauptsächlich PERRY RHODAN, aber auch ein paar Maddrax- und Bad Earth-Bände erkenne ich auf Anhieb, und ganz links, halb verdeckt von einem alten PR-Sonderheft, entdecke ich den hellblauen Einband von Heynes neu überarbeiteter UBIK-Ausgabe. Rings um den Tisch liegen jede Menge halb- und ganz bedruckter A4-Seiten, und mitten in diesem Durcheinander hockt Paul mit seinem Notebook auf dem Boden, weil auch die Stühle mit Papier, Heften und Büchern belegt sind. Ich runzele die Stirn. »Kinder, was für ein Saustall. Du weißt, dass in einer Stunde die Jungs kommen und hier Skat spielen wollen ?« »Klar«, sagt Paul, ohne von seinem Notebook aufzublicken. »Darum habe ich dich ja auch gebeten, etwas früher hier zu sein. In zehn Minuten ist Redaktionsschluss, und dann kannst du mir beim Aufräumen helfen .« »Redaktionsschluss«, wiederhole ich wie ein gut dressierter Papagei. »Was'n für'n Redaktionsschluss? Bist du jetzt unter die Verleger gegangen ?« »Ach, Unsinn.« Endlich klappt Paul sein Notebook zu. »Junior ist doch in so'n SF-Club eingetreten, und jetzt muss unbedingt ein Fanzine herausgegeben werden. Ich helfe bloß beim Nachrichtenteil, sonst wird er nicht rechtzeitig fertig. Du weißt ja, wie die Kids heute sind: strukturierte, ordentliche Arbeit ist ein Fremdwort für sie .« Er rafft ein paar der um ihn herum verstreuten Blätter zusammen, schenkt mir ein nachsichtiges Lächeln und nickt Richtung Tisch. »Nun aber los! Die Bücher gehören in die Kiste dort drüben, die Hefte auf den Speicher. Die Bücher übernehme ich. Also...« Wenn jemand ein Fanzine macht und möchte, dass die Welt davon erfährt, dann gehören die »PERRY RHODAN-Clubnachrichten« zu den Adressen, die man über sein Werk informieren sollte. Viele Jahre lang wurden die vierwöchentlich im Mittelteil der Rhodan-Hefte abgedruckten Clubnachrichten von
Klaus N. Frick betreut, mittlerweile hat diese Aufgabe
Hermann Ritter übernommen. Obwohl seit den 80ern im fannischen Umkreis aktiv und daher mit der Materie bestens vertraut, musste sich Hermann einem knallharten Selektionsverfahren stellen, ehe er aus dem Kreis potentieller Clubnachrichten-Redakteure ausgewählt wurde. Erst, als er nach eigenen Worten vor dem Verlagsgremium als einziger Kandidat erklären konnte, wie ein Spiritus-Umdruck-Drucker funktioniert, war die Sache geritzt.
Natürlich dürften Hermanns Kenntnisse im Umgang mit Spiritus und Druckern nicht alleiniger Grund gewesen sein, warum er für die neue Aufgabe besonders prädestiniert war. Bereits im Alter von etwa zehn Jahren gehörte PERRY RHODAN zu seinem Lieblings-Lesefutter. »Die Wände meines Kinderzimmers waren mit den blauen Risszeichnungspostern aus dem »PR Magazin« zugepflastert«, erinnert er sich. Danach wechselten sich wilde Leseschübe mit Phasen gepflegten Desinteresses ab.
»Momentan lässt sich meine Einstellung zu Rhodan mit distanzierter Nähe oder liebevoller Kritik ganz gut beschreiben«, meint er. Um auf aktuellem Stand zu bleiben, schaut er sich zwar jedes Heft an, aber nicht jedes wird ganz gelesen: »Das ist stark autorenabhängig«. Auch die verfügbare Zeit spielt natürlich eine Rolle. Davon steht nämlich, seit Hermann die Clubnachrichten übernommen hat, nicht unbedingt mehr zur Verfügung als vorher, und PR ist nicht das Einzige, was auf dem Lesestapel liegt. Schließlich ist PERRY RHODAN nur eine Facette der SF-Literatur.
»Science Fiction ist die große Liebe, Fantasy nur eine Liebhaberin, und Rhodan ist der kleine Bruder der großen Liebe, mit dem man redet, um die große Liebe mal wieder sehen zu können«, erklärt Hermann philosophisch, verrät aber nicht, was seine Freundin zu dieser Definition gesagt hat.
In den Clubnachrichten finden sich stets allerlei Informationen aus dem fannischen Umfeld: Clubs suchen neue Mitglieder, Converanstalter mehr Besucher oder Leser einen Stammtisch, Fans weisen auf ihre Projekte hin, und immer wieder werden frisch publizierte Fanzines eingereicht. Während die diversen Meldungen, die reichlich eintrudeln (»Die prägendste Erfahrung, seit ich diese Aufgabe übernommen habe, ist mein voller Briefkasten.«), lediglich ins richtige Format gebracht werden müssen, wollen die Zines gelesen und besprochen sein. Dabei hat der Clubnachrichten-Redakteur natürlich seine ganz eigenen Vorlieben und Abneigungen, die er auch zu vermitteln versucht. Ganz generell, glaubt er, können Rezensenten nicht neutral sein, sondern nur dem Leser den Eindruck vermitteln, dass sie mit ihrem Geschmack bestimmte Vorgaben abdecken und daher dieser - nach Lektüre mehrerer Rezensionen und entdecken entsprechender Übereinstimmungen - auch der neuesten Empfehlung vertrauen können. Diese Erfahrung versucht Hermann in seine Arbeit einzubringen.
Zwar ist die Zahl der Fanzines in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, dafür aber werden die Veröffentlichungen immer professioneller. Letzteres liegt natürlich an den Möglichkeiten moderner Computersysteme: was früher mühsam mit Kopierer, Schere und Klebstoff zurechtgestückelt werden musste, wird heute einfach eingescannt und am Bildschirm an die richtige Stelle geschoben. Trotzdem ist, wer einen Rechner hat, deshalb noch längst kein professioneller Layouter. Und das sieht man manchem Zine dann doch noch an.
Um nicht in Verzug zu kommen - der Verlag schickt entsprechende Listen mit Abgabeterminen -, hat Hermann zwei Ablagefächer auf seinen Schreibtisch montiert. In dem einen liegt der unerledigte Briefverkehr mit Zineherausgebern, Converanstaltern oder Stammtischlern, von denen er noch Daten braucht, in dem anderen stapeln sich die Fanzines. »Die lese ich in der Eingangsreihenfolge durch, schreibe die Besprechungen, lasse sie mir in fraglichen Fällen vom jeweiligen Herausgeber abnicken und überlege mir, welches der Cover für die Clubnachrichten geeignet wäre«, schildert Hermann seine Vorgehensweise. »Bei wichtigen Zines, die in der anstehenden Ausgabe keinen Platz mehr finden, schiebe ich schon mal um vier Wochen.« In der Regel lässt sich aber durch geschicktes Kürzen und Stauchen der benötigte Freiraum schaffen.
Neben den regelmäßig erscheinenden Clubnachrichten meldet sich Hermann auch auf der PR-Webseite gelegentlich zu Wort: Gedanken und Ideen, die ihm während seiner Beschäftigung mit dem Thema PERRY RHODAN in den Sinn kommen, die aber in den Clubnachrichten schlecht unterzubringen sind, findet ihr dort in seiner
Hermann Ritter-Kolumne.
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